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Ausgabe August 2017

Sport-Informations-Dienst (SID)

Königssee (SID) Die Heim-WM war ein großer Triumph und zugleich nur eine Zwischenstation: Ab sofort müssen sich die deutschen Bobs auf die Olympiabahn in Pyeongchang einstellen – zwölf Monate vor den Winterspielen gilt es zudem, die offene Materialfrage zu beantworten.

Die Dunkelheit brach schon über dem Königssee herein, doch Deutschlands neue Bob-Helden fanden auch lange nach dem Abschluss der Heim-WM keine Ruhe. Mit heiseren Stimmen und leuchtenden Augen erzählten Francesco Friedrich und Johannes Lochner ausdauernd von ihrem historischen Doppelsieg, schüttelten Hände und nahmen Glückwünsche entgegen.

„Wir werden den Pokal wohl zersägen müssen“, scherzte Friedrich irgendwann. Denn Deutschlands Top-Piloten waren nach vier Läufen zeitgleich ins Ziel gekommen, es gibt nun zwei Weltmeister im Viererbob – ein Novum in der 93-jährigen WM-Geschichte.

Im großen Party-Zelt gleich neben der bayerischen Eisbahn ging es aber noch am Abend auch an die Analyse dieser erfolgreichen Bob-WM, und dabei waren durchaus nüchterne Töne zu vernehmen. Der Titel im Zweier für Friedrich, dazu Bronze für Lochner, und im Vierer neben Doppel-Gold noch einmal Bronze für Nico Walther – diese Zahlen zeigen, dass der deutsche Verband zwölf Monate vor den Olympischen Spielen in Pyeongchang vieles richtig macht.

„Das war toll, großartiger Sport mit einem Wahnsinns-Finale“, sagte BSD-Vorstand Thomas Schwab daher auch, „aber wir müssen das Ganze realistisch einordnen: Es war eine Heim-WM.“ Doppel-Weltmeister Friedrich meinte: „So wie hier wird das in Pyeongchang nicht passieren. Das werden keine deutschen Bobspiele. Die Karten werden neu gemischt.“ Schwab wies erneut darauf hin, dass man wegen der sportlichen Herausforderung lieber in Sotschi gefahren wäre. Der russische Doping-Skandal hatte erst im Dezember zur Verlegung der WM nach Bayern geführt.

Und so bleiben mit Blick auf Olympia 2018, auf die wichtigsten Rennen überhaupt, durchaus offene Fragen. Die ersten werden schon in den kommenden Wochen teilweise beantwortet: Am 18./19 März steigt das Weltcup-Finale auf der brandneuen Olympiabahn in Pyeongchang, alle Spitzenteams müssen sich die noch unbekannte Strecke nun in kurzer Trainingszeit bestmöglich erarbeiten. „Darauf konzentrieren wir uns jetzt“, sagt Schwab: „Denn da werden wir sehen, wo wir wirklich international stehen.“

Zudem soll der Weltcup in Südkorea Entscheidungen in der noch offenen Materialfrage bringen: Die deutschen Sportler sollen sich am Ende dieser Test-Saison festlegen, mit welchen Schlitten sie den Olympia-Winter angehen. Im Zweier nutzen Friedrich und Lochner derzeit die vom Verband angeschafften Bobs der österreichischen Firma Wallner, Walther und die Frauen fahren Material des staatlich finanzierten Stammausrüsters FES. Im Vierer fährt Walther ebenfalls FES, Lochner und Friedrich sind mit privat finanzierten Wallner-Bobs erfolgreich.

In Pyeongchang sollen alle Systeme nun erneut getestet werden, sagt Schwab, „und dann finden wir eine Lösung. Die Athleten sollen sicher sein, mit siegfähigem Material anzutreten.“ Bleiben in Pyeongchang unerwartete Erkenntnisse aus, dürfte die bislang erprobte Aufteilung beibehalten werden. „Ich gehe davon aus, dass weiterhin Wallner und FES zum Einsatz kommen“, sagt auch Schwab.

Zwar hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière zuletzt das Ende der staatlich finanzierten Doppellösung angekündigt. Man müsse sich mit Blick auf Pyeongchang entscheiden, sagte er, „wir werden nicht zwei verschiedene Bobs finanzieren.“ Die Festlegung auf nur einen deutschen Schlitten wäre nach all den Tests aber der „worst case“ für die Sportler, sagte Bundestrainer René Spies zuletzt. Möglich scheint eher, dass die ja bereits angeschafften Wallner-Bobs für Olympia eben ohne Bundesmittel weiterentwickelt werden, etwa mit Hilfe von Sponsoren.