arag sid

Ausgabe Juni 2017

Landessportbünde

Wer im Sport mit traumatisierten geflüchteten Menschen zu tun hat, kann viel Gutes bewirken, aber mangels Wissen auch die Situation der Betroffenen verschlimmern oder sich selbst überfordern.

Oft sind es Kleinigkeiten, die irritieren. So wie der sonst so stille Junge, der in einem Schwimmkurs für Geflüchtete ganz wild darauf ist, sofort ins tiefste Wasser zu springen, obwohl er gar nicht schwimmen kann. Oder der junge Mann aus einem Kriegsgebiet, der ständig abwesend wirkt und nervös an seinen Fingernägeln kaut. Vereinsmitarbeiter in Sportvereinen, die mit Geflüchteten arbeiten, fragen sich in solchen Situationen: Steckt da jetzt etwas Ernstes dahinter? Hat dieser Mensch vielleicht etwas so Schlimmes erlebt, dass ich es ansprechen soll – oder besser nicht? Mache ich mir umsonst Sorgen?

Geduld und Professionalität sind erforderlich

Die Unsicherheit der Vereinsmitarbeiter ist berechtigt. Im Vergleich „…leiden Flüchtlinge Erhebungen zufolge bis zu zehnmal häufiger unter Angsterkrankungen, Depressionen oder einer PTBS (posttraumatischen Belastungsstörung, d.Red.)“, stellt der „Spiegel“ fest. Dennoch: Was jetzt? „Die Arbeit mit traumatisierten Menschen erfordert ein hohes Maß an Professionalität und Wissen. Denn es ist möglich, die Situation der Betroffenen durch Handeln ohne Hintergrundwissen zu verschlimmern“, sagt LSB-Referent Michael Neumann. Daher bietet der LSB im Rahmen seines Projektes „Entschlossen weltoffen!“ Workshops zum Thema Flucht und Trauma an.

Sport kann sich stabilisierend auf die Psyche auswirken

Gerade Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigen Verhaltensweisen, die für Laien schwer nachvollziehbar sind. Dabei gilt: „Ein Trauma ist eine seelische Schwerverletzung. Seine Folgen sind ganz normale Reaktionen auf eine oder mehrere lebensbedrohliche Situationen“, sagt Sabine Schrader, Fachberaterin für Psychotraumatologie. Auch wenn es keinen „Notfallschalter“ für die Symptome gibt, können Vereinsmitarbeiter auf diese Personen stabilisierend wirken und tun es oft intuitiv. „Wichtig ist, Sicherheit zu vermitteln, etwa durch eine klare und ehrliche Beziehung“, beschreibt Schrader eine der Grundregeln für den Umgang mit Betroffenen.

Des Weiteren sind Geduld und Verständnis hilfreich. Wer sich auskennt, kann Betroffenen den Sinn hinter den Trauma-Symptomen erklären. Auch das beruhigt. Überhaupt sei Sport positiv, lobt Schrader, er helfe, den Körper zu spüren, was sich ebenfalls stabilisierend auf die Psyche auswirke. Die Herausforderungen sind aber sehr komplex: „Eine fachgerechte Beratung braucht Ausbildung und Know-how“, betont sie und empfiehlt Vereinsmitarbeitern: „Man muss seine Grenzen erkennen und dementsprechend an Fachleute verweisen.“

Quelle: www.lsb-nrw.de