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Ausgabe Juni 2017

Sport-Informations-Dienst (SID)

Baku (SID) Knallt’s bald? Verantwortliche und Spieler der deutschen Mannschaft beklagen die hohe Belastung und fürchten das Platzen der Fußball-Blase. Von „Übersättigung“ konnte bei Joachim Löw in der kurzen Nacht von Baku Ende März keine Rede sein – im Gegenteil: Den Bundestrainer verlangte es nach dem 4:1 (3:1) seiner Weltmeister im WM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan noch vor dem Abflug nach einer Portion Spirelli Bolognese. „Ich brauche meine Nudeln“, sagte er, als er durch die Interviewzone eilte. Was Löw nicht braucht: Noch (viel) mehr Fußball.

„Man sollte das Rad nicht überdrehen und es nicht ausreizen. Das geht auf Dauer nicht. Man muss aufpassen und gucken, dass man nicht völlig überzieht“, sagte der Bundestrainer in Baku. Damit sprang er DFB-Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff zur Seite, der die seit Jahren schwelende Debatte um die Belastung der Profis und ein mögliches Abwenden der Fans mit Aussagen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erneut angeheizt hatte. Er mache sich „schon ein bisschen Sorgen um den Fußball“, sagte Bierhoff, und verglich die Lage mit jener am Vorabend der jüngsten Bankenkrise.

Wie dort vor rund zwölf Jahren würden nun im Fußball „immer mehr sehr starke Player immer mehr ausschließlich nur an die Profitmaximierung denken. Darin besteht ein Risiko, irgendwann knallt es dann mal“. Anzeichen für Übersättigung sieht er darin, dass die Merchandising-Erlöse stagnierten und längst nicht mehr jedes Heimspiel der Weltmeister ausverkauft ist.

Löw hat sich in Baku an einer Erklärung versucht. Aufgrund der (zu) hohen Belastung der Spitzenspieler leide deren Qualität, „darunter leidet dann auch die Qualität des Spiels. Das will sich der Zuschauer dann vielleicht auch nicht ansehen“, sagte er. Während Löw deshalb seinen am häufigsten geforderten Nationalspielern beim Confed Cup in Russland im Sommer eine Pause gönnen wird, riet Bierhoff dazu, der Profitgier bei internationalen Verbänden (FIFA, UEFA) und Klubs Einhalt zu gebieten – durch Verknappung.

Die nordamerikanische Football-Liga NFL, „die höchstbezahlte Sportliga der Welt“ (Bierhoff), mache es mit nur 17 regulären Saisonspielen vor. Warum sollten also die großen europäischen Ligen etwa nicht ihre Teilnehmerzahl auf 16 reduzieren, fragte Bierhoff. „Als Fan habe ich immer gehofft, dass es (in der Bundesliga) eine Aufstockung auf 20 gibt, weil ich mehr Spiele sehen wollte“, sagte Weltmeister Mats Hummels dazu, „jetzt finde ich es ganz passend“.

Geschäftsführer Christian Seifert von der Deutschen Fußball Liga (DFL) schob unterdessen der UEFA und der FIFA den Schwarzen Peter zu: „Fakt ist, dass zusätzliche Spieltermine vor allem aus Entscheidungen von UEFA und FIFA resultieren. Lösungsansätze zur Reduzierung von Belastungen sollten daher auch zu allererst dort ansetzen.“

Die DFL ist sich ihrerseits in der aktuellen Diskussion keiner Schuld bewusst, wie Seifert betonte: „Die Diskussion um Spielerbelastungen ist aus Sicht einzelner Profis nachvollziehbar. Mit Blick auf die Bundesliga lässt sich festhalten, dass es seit 1965 – mit Ausnahme einer Saison in den frühen neunziger Jahre nach der deutschen Einheit – konstant 34 Spieltage gibt. Auch Freundschaftsspiele in der Sommerzeit hat es immer schon gegeben.“

Hummels plädierte dafür, „dass es nicht noch mehr Spiele werden müssen, mehr Wettbewerbe geben muss. Irgendwann werden die Körper der Spieler darauf reagieren“. Es dürfe nicht sein, dass versucht werde, „noch mehr und mehr und mehr rauszupressen“, betonte der Bayern-Profi, ehe er sich auf den viereinhalbstündigen Rückflug nach Frankfurt mit Anschluss nach München machte. Immerhin flog der viel belastete Abwehrchef Business Class.