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Ausgabe Oktober 2017

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Düsseldorf (SID) Die Macher der WM in Düsseldorf sind mit dem erreichten Minimalziel von einer Medaille für die Gastgeber zufrieden – und hoffen nun auf einen Schub für ihren Sport in Deutschland.

Der Traum vom Gold-Coup blieb unerfüllt, doch das deutsche Tischtennis geht der Zukunft nach dem teilweise faszinierenden WM-Heimspiel in seiner „Hauptstadt“ Düsseldorf mit Rückenwind entgegen. „Wir müssen uns nicht verstecken“, sagte Sportdirektor Richard Prause vom Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) zum Ergebnis der Gastgeber.

Bronze für Petrissa Solja (Berlin) im Mixed bedeutete für den DTTB die Erfüllung des Minimalziels. „Wir haben die eine oder andere Chance auf mehr leider nicht genutzt“, sagte Prause allerdings auch.

Immerhin war Soljas Podestplatz mit dem Chinesen Fang Bo – die erste Einzelmedaille für eine DTTB-Spielerin seit 1971 – auch Europas bestes WM-Ergebnis überhaupt. Im Herren-Einzel galt das auch für die vierte WM-Viertelfinalteilnahme von Rekordeuropameister Timo Boll (Düsseldorf) in Folge.

Das 2:4 des früheren Weltranglistenersten gegen seinen chinesischen WM-Doppelpartner Ma Long war sportlich wie atmosphärisch für die 8000 begeisterten Zuschauer im brodelnden Center Court fraglos der WM-Höhepunkt – und eine Kampfansage des 36-Jährigen: „Vor mir liegen noch ein paar schöne Jahre“, sagte der WM-Dritte von 2011 zu seinem überaus imponierenden Auftritt mit „Gänsehautmomenten“ (Prause).

Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf zählt allerdings auch weiter auf Dimitrij Ovtcharov – trotz des frühen Achtelfinal-Aus seines Spitzenspielers (3:4 gegen den Japaner Koki Niwa): „Dima ist unser Mann der Zukunft“, meinte der Ex-Doppelweltmeister zur Perspektive des frustrierten Weltranglistenfünften.

Roßkopf brach außerdem eine Lanze für seine zweite Reihe: „Alles sprach bei der WM von den Japanern und dem Teenager Harimoto – aber wir haben auch eine gute Mannschaft.“ Mit einem Trio war das DTTB-Team hinter einem Chinesen-Quartett tatsächlich die stärkste Nation im Achtelfinale der Herren. Im Medaillenspiegel, den China erneut mit den Einzel-Champions Ma und Ding Ning (Damen) und insgesamt viermal Gold in fünf Wettbewerben gewann, fand das keinen Niederschlag.

Zu den Gewinnern zählte DTTB-Präsident Michael Geiger auch seinen Sport in Deutschland. „Wir haben Begeisterung transportiert“, sagte der Verbandschef mit Blick auch auf die teils spektakuläre WM-Präsentation: „Es ist schon besprochen, dass wir mehr Eventisierung wollen, mehr Power.“

Kritik an den deutsch-chinesischen Doppeln mit Boll und Solja wies Geiger zurück: „Gerade diese Spiele haben die Leute ja fasziniert. Und beide Doppel haben nur gegen die späteren Weltmeister verloren.“

Geiger bestätigte dem SID vorbehaltlich der detaillierten Abrechnung das erhoffte Plus für die Ausrichter im sechstelligen Bereich. Der Gewinn auch durch insgesamt 58.000 Besucher soll in die Zukunft des Sports in Deutschland reinvestiert werden.

„Wir haben vor der WM strategische Ziele festgelegt, und wenn man nun das Geld hat, muss man es auch konsequent so einsetzen, dass diese Ziele erreicht werden können. Wir werden deshalb sicherlich unsere Arbeit im Jugendleistungssport intensivieren, weil wir in diesem Bereich wieder näher heran müssen“, sagte Geiger: „Japan hat uns inzwischen überholt – wahrscheinlich aber mit einem dreifachen Etat.“

Ob die DTTB-Aktiven mittelfristig bei WM-Turnieren noch in einer Größenordnung wie in Düsseldorf aufschlagen werden, ist offen. Für den Weltverband ITTF kündigte der in der Rheinmetropole bei einer Kampfabstimmung bestätigte Präsident Thomas Weikert (Limburg) eine Überprüfung des Themas an. „Es gibt unter mehreren ein Gedankenmodell, dass die WM kleiner und vernünftiges Qualifikationssystem installiert wird“, sagte Weikert dem SID.

Sorge bereiten Weikert auch die Machtverhältnisse am Tisch aufgrund Chinas unveränderter Dominanz: „Ich hatte mir erhofft, dass die Europäer doch etwas näher an die Spitze herangerückt wären. Europas Ergenbnis war schon mager.“