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Ausgabe Oktober 2017

Sport-Informations-Dienst (SID)

München (SID) Yannick Hanfmann ist schwerhörig. Das ist eigentlich nicht weiter erwähnenswert, und es fällt ja auch nicht auf. Yannick Hanfmann aber weist lieber darauf hin. „Können Sie bitte laut sprechen“, sagt er, als er beim ATP-Turnier in München zum ersten Mal in seiner ungewöhnlichen Karriere zu einer Pressekonferenz erscheint. Genau genommen: erscheinen muss, denn der 25 Jahre alte Karlsruher war die Überraschung in München, auch wenn das im Abschiedstrubel um Tommy Haas bisher ein wenig unterging.

Yannick Hanfmann spielte gerade sein erstes ATP-Turnier und hatte sich zum ersten Mal für ein Hauptfeld qualifiziert. Seitdem, sagte er, könne er endlich mal nur an Tennis denken, seitdem sei er „im Tunnel“. Hanfmann war in dieser Woche in der Weltrangliste auf Rang 273 geführt, seine bisherigen Gegner bewegen sich in ganz anderen Regionen. Am Montag hatte er Gerald Melzer (Österreich), Nummer 115 der Welt, in drei Sätzen besiegt, am Mittwoch Thomaz Bellucci (Brasilien), die Nummer 57. Er, der bisherige Nobody, stand im Viertelfinale.

„Es ist ein bisschen surreal, hier auf der Pressekonferenz zu sitzen“, gestand Hanfmann. Von seiner Schwerhörigkeit war da nichts zu spüren. Hanfmann war aufmerksam, er antwortete überlegt, präzise und mit Humor. Sein angeborenes Handicap, erklärte er mit einem Lächeln, sei auf dem Tennisplatz „eher positiv, weil ich nicht alles höre, was geredet wird“. Es erleichtere die Konzentration. Ansonsten sagte er allenfalls den Schiedsrichtern, „die relativ leise reden“, dass er sie womöglich nicht versteht.

Ein Hörgerät hat Hanfmann nur in der Schule benutzt oder an der University of Southern California (USC) in Los Angeles, wohin es ihn gleich nach dem Abitur auch auf sanften Druck der Eltern verschlug. Bei den „Trojans“ spielte er vier Jahre lang, bis Mitte 2015, eine Zeitlang als Doppelpartner von Steve Johnson (USA). Johnson war zu dem Zeitpunkt die Nummer 25 der Weltrangliste, er hat 2016 in Rio Olympia-Bronze im Doppel gewonnen und neulich sein zweites ATP-Turnier, in Houston, durch einen Sieg im Finale gegen – Thomaz Bellucci.

Hanfmann war nach Johnsons Abgang von der USC, wo er ein Stipendium erhalten hatte, zwei Jahre lang die Nummer eins im Team. „Ich habe tolle Jahre gehabt, die haben mich geprägt“, sagt er. Sie haben ihm vor allem eine „gewisse Wettkampfhärte“ gebracht, kleine Wehwehchen oder Krankheiten werfen ihn deshalb so schnell nicht um. Nach seinem Abschluss 2015 ging er zurück nach Deutschland, an die Tennis-Base in Oberhaching bei München. Seitdem versucht er, auf der Tour Fuß zu fassen. Nun hat er einen Fuß in der Tür.

Immerhin drei drittklassige Futures-Turniere hat Hanfmann gewonnen, er will, klar, mehr erreichen. Er sieht sich, obwohl schon 25 Jahre alt, „nicht als Veteran, ich glaube, da geht noch was“. Hanfmann fühlt sich prima seit dem Einzug ins Hauptfeld, unter anderem, weil er sich bereits die für ihn gewaltige Summe von 13.970 Euro erspielt hat. „Und wenn Du Dich gut fühlst“, sagt er, „dann gehen die Dinge leichter von Hand.“