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Ausgabe August 2017

Sport-Informations-Dienst (SID)

London (SID) Niko Kappel hat sich nach Gold bei den Paralympics in Rio erstmals auch den WM-Titel gesichert. Doch der kleinwüchsige Kugelstoßer blickt über den sportlichen Tellerrand hinaus. In Sachen Inklusion sieht er eine falsche Entwicklung.

Der WM-Titel mit Sahnehäubchen begeisterte auch die japanischen Journalisten: Niko Kappel musste dem asiatischen TV-Team nach seinem Gold-Rekordstoß von London in der Mixed Zone noch lange Rede und Antwort stehen. Doch selbst die Erklärung auf Englisch, warum er den Spitznamen „Bonsai“ trage, ging Kappel an einem denkwürdigen Abend im Londoner Olympiastadion spielend über die Lippen.

Und: Von wegen „Bonsai“. Der 22-Jährige aus Sindelfingen wuchs bei der Para-Leichtathletik-WM über sich hinaus und dominierte rund zehn Monate nach den Paralympics in Rio nun auch den Kugelstoß-Wettbewerb an der Themse. „Weltmeister? Das hört sich schon super an, das hatte ich bis jetzt ja noch nicht“, sagte Kappel freudestrahlend dem SID und meinte nach seinem neuen Weltrekord (13,81 m): „Ich habe jetzt schon wieder Bock auf die nächste Saison.“ 

In einer langen Partynacht feierte der kleinwüchsige Schwabe mit Freundin Luisa, seinen Eltern und ein paar Teamkollegen um Speerwurf-Bronzemedaillengewinner Mathias Mester den Erfolg. Dass Kappels größter Rivale, der polnische Ex-Weltmeister Bartosz Tyszkowski, aus unbekannten Gründen nicht am Start war, schmälerte den Sieg des sympathischen Blondschopfs kaum.

Mit dem Doppel-Gold von Rio und London wird Kappel, der für die CDU im Stadtrat von Welzheim sitzt, weiter in den Fokus rücken. Und das ist gut so. Ob in TV-Talkshows oder beim Plausch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel – Kappel hat bereits bewiesen, dass er trotz seines jungen Alters schon ein Aushängeschild des Behindertensports darstellt.

„Niko ist ein wunderbarer Botschafter. Er ist sympathisch, charmant und hat große menschliche Qualitäten“, schwärmte auch Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), von seinem „Außenminister“.

Und Kappel ist einer, der über den Tellerrand hinausblickt. Zum Beispiel in Sachen Inklusion. „Da sehe ich eine zunehmend falsche Entwicklung, nämlich eine zur Bevorzugung der Behinderten“, mahnte er an: „Inklusion bedeutet aber Gleichstellung.“

Kappel selbst trainiert in einer integrativen Gruppe mit Coach Peter Salzer sowie unter anderem Tobias Dahm und Lena Urbaniak, die beide schon deutsche Kugelstoß-Hallenmeister wurden.

Neulich stand Kappel am Flughafen in Berlin vor der Sicherheitsschleuse. Ein Rollstuhlfahrer kam von hinten und fuhr komplett an der Schlange vorbei. Und Kappel machte sich so seine Gedanken, „weil keiner von den 40 Leuten etwas gesagt hat“, erzählte der London-Weltmeister.

Wenn nur einer von den „Überholten“ Personalverantwortung in einer Firma habe, „dann wird er beim nächsten Einstellungsgespräch mit einem Rollstuhlfahrer genau dieses Bild vor Augen haben: Rollstuhlfahrer bedeutet Sonderposition.“

Was nach Meinung von Kappel zur Folge hat, dass in den Hintergrund rücke, was der Bewerber fachlich wirklich drauf habe. „Aber eigentlich sollte es nur darum gehen, ob einer für den Job geeignet ist – oder eben nicht“, betonte der 1,40 m kleine Kugelstoßer.

Er selbst verfährt nach dem Motto: „Ich werde kein Basketballer mehr. Aber der Brillenträger wird auch kein Kampfpilot.“ Sprich: Jeder hat Vor- und Nachteile, sollte gleich behandelt werden – und aus seinen Talenten das Beste machen.

Kappel, der „Sonnenschein von Welzheim“ (Stuttgarter Zeitung), hat an einem böigen Abend in London einen weiteren Schritt getan, damit seine Botschaft erhört wird.