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Ausgabe Dezember 2017

Landessportbünde

Sie passen in keine Statistik und geben so manchem Wissenschaftler Rätsel auf. Lydia Ritter (79) von TuS Rot-Weiß Koblenz kann sich mit nationalen und internationalen Titeln über Kurz- und Mittelstrecken in der Leichtathletik nur so schmücken. Der 82-jährige Wilfried Weisbarth gehört den „Bacharacher Oldtimern“ an und tourt mit seiner Turn-Leistungstruppe um die Welt. Ritter gönnt sich beim Training nur einen Tag Auszeit in der Woche. Weisbarth trainiert in der Regel nur einmal wöchentlich, bevor es jedoch zu Show und Wettkampf geht, stehen drei bis vier Trainingseinheiten an.

Wieviel Sport ist im Alter gesund? Was sollte beim Training beachtet werden? Wettkampfsport im Alter – Fluch oder Segen? Der Sportbund Rheinland wollte es genauer wissen. Neben den illustren Interviewgästen Ritter und Weisbarth waren die Wissenschaftler Professor Dr. Wilhelm Bloch (Institut für Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln) und Dr. Silke Keller (Institut für Spotwissenschaften, Uni Hildesheim) zu Gast.

Wilhelm Bloch brachte es gleich zu Beginn auf den Punkt. Sport ist kein ewiger Jungbrunnen. „Ab dem 60. Lebensjahr beschleunigt sich der Prozess der Leistungsabnahme. Er betrifft praktisch alle für die Leistungsgenerierung wichtigen Organe und Gewebe. Die Leistungsabnahme lässt sich durch Training nicht grundsätzlich aufhalten“, sagte Bloch und richtete fortan den Blick auf die Zeit zwischen den einzelnen Trainingseinheiten – die Zeit der Regeneration. Denn die Skelettmuskulatur verliert im Alter an Regenerationsfähigkeit, das Bindegewebe verändert sich und beeinträchtig die Erholung.

„Welche Strategien der Regenerationsgestaltung braucht es im Alter?“, sei die Frage der Zukunft, und „Könnten höhere Belastungen mit spezifischer Regenerationssteuerung ein sinnvoller Weg sein?“ Für alle jene unter den rund 100 Teilnehmern des Forums, die sich auch im Alter mit Sport fordern wollen, sich gesund fühlen und denen dies sinnvollerweise auch durch einen sportmedizinischen Check attestiert wurde, hatte der Wissenschaftler eine gute Nachricht im Gepäck. „Hochintensives Training ist machbar und effektiv auch im Alter!“ Es fördere zudem durch die Laktatbildung auch die Ernährung des Gehirns. Sprich: Seniorensportler sind nicht nur körperlich fit, sondern auch geistig rege.

Leistungsorientierte Seniorensportler: Was sind das für Typen? Welche Motive stecken hinter ihrem Engagement? Dieser Frage ging Dr. Silke Keller nach und untersuchte die Teilnehmer der Leichtathletik-Europameisterschaften der Senioren in Zittau (2012). Diese hatten in der Regel eine hohe berufliche Qualifikation gekoppelt mit einem hohen Bildungsgrad. Sie waren schon im Jugendalter sportlich aktiv und erfolgreich, und immer noch ist die Wettkampforientierung für beide Geschlechter überdurchschnittlich hoch ausgeprägt. Doch mit fortschreitendem Alter gewinnt eine weitere Komponente zunehmend an Gewicht: Sie begreifen und gestalten ihren Sport im Rahmen eines persönlichen Gesundheitsmanagements.

Aufhorchen ließ Kessler mit folgendem Befund: „Mehr als die Hälfte der Männer trainiert in Eigenregie, nur knapp ein Drittel der Frauen tut dies“, und „Nur jeder siebte Mann trainiert nur nach Anleitung.“ Da stellt sich die Frage: Fühlt sich der leistungsorientierte Seniorensportler im Sportverein gut aufgehoben? Werden die Bedürfnisse nach einer fachlichen Betreuung erfüllt? Die Befragungsergebnisse lassen daran Zweifel aufkommen und legen laut Keller unter anderem folgende Empfehlungen für die Trainingspraxis und das Management im Seniorensport nahe: Regelmäßiger Medizin-Check; Qualifizierte Übungsleiter, dem die Athleten vertrauen; altersgemäßes individuelles Training; regelmäßige Leistungstests und „Zurück-Gewinnung“ von Athleten, die in Eigenregie agieren, um Gesundheitsgefahren vorzubeugen.

Das Interview mit Lydia Ritter und Wilfried Weisbarth finden Sie hier

Quelle: www.sportbund-rheinland.de