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Ausgabe Dezember 2017

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Er war immer streitbar und umstritten, und sein großes Ziel hat er nie erreicht – dennoch geht Michael Vesper mit einem Lächeln. „Ich blicke mit sehr positiven Gefühlen auf elf Jahre DOSB zurück“, sagte der scheidende Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes: „Ich habe den Seitenwechsel von der Politik zum Sport keine Sekunde lang bereut.“

Am 2. Dezember setzte der 65-Jährige, der wegen seiner wenig zimperlichen Art mitunter „Vorstopper“ genannt wurde, als Sitzungsleiter bei der 14. DOSB-Mitgliederversammlung in Koblenz quasi zur letzten Grätsche an. Ende des Jahres scheidet er aus Altergründen aus.

Der erste Generaldirektor des 2006 gegründeten DOSB war über eine Dekade der höchste hauptamtliche deutsche Sportfunktionär. Vor allem dem Gründungspräsidenten Thomas Bach hielt Vesper rigoros den Rücken frei und fasste das eine oder andere heiße Eisen an, an dem sich sein international ambitionierter Chef nicht die Finger verbrennen wollte.

Sonderlich erfolgreich war er mit seinen Mitstreitern nicht. Drei Olympiabewerbungen gingen seit 2006 schief, es existiert ein Anti-Dopinggesetz, das der DOSB in dieser Form nie wollte, die Medaillenausbeute bei Olympischen Spielen stagnierte, und nun stockt auch die Spitzensportreform.

„Die Wirklichkeit ist nicht immer nur schwarz und weiß. Selbst die Niederlage mit der Münchner Olympiabewerbung 2011 in Durban hat auch Positives gehabt: Sie hat die olympischen Werte in Gesellschaft und Politik stärker verankert“, sagte Vesper im SID-Gespräch: „Es war zudem schön zu sehen, wie sich der deutsche Sport hinter den Olympiabewerbungen versammelt hat, auch im Moment der Niederlagen war die Unterstützung da. Natürlich gab es Rückschläge und Niederlagen, aber auch sehr viel Positives.“

Am meisten wurmten Vesper die verpatzten Olympiabewerbungen Münchens und Hamburgs. Eine davon hätte er gerne erfolgreich zu Ende gebracht, sagte er, „gleich, ob Winter oder Sommer“. Dass es nicht so kam, sei aber „nichts, was mir bis an mein Lebensende schlaflose Nächte bereiten wird“.

Um einen Schlag auf den Tisch in bester Basta-Manier von Ex-Kanzler Gerhard Schröder, mit dem er Ende der 70er Jahre eine WG bewohnte, war der Mitbegründer der Grünen nie verlegen. Das brachte ihm Respekt ein, aber auch jede Menge Ärger. Regelmäßig rasselte er mit Verbandsvertretern zusammen, mit dem Dopingopfer-Hilfeverein hatte er es sich vorübergehend völlig verscherzt. Auch beim wichtigsten Geldgeber, dem Bundesinnenministerium, oder im Sportausschuss war er nicht unbedingt gern gesehener Gast.

Mit seiner fordernden Art eckte Vesper an. Auch im „Haus des deutschen Sports“ in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise gab es Ärger, der ihm sogar einen Rüffel des Good-Governance-Beauftragten einbrachte. Seine Kritiker sehen in seinem Weggang eine Befreiung, seine Befürworter einen Verlust. Bach sagte einmal, Vesper habe „jeden Streit im besten Sinne des Sports“ geführt.

In den Ruhestand will der Vater von vier Kindern nicht gehen, wie es weitergeht, weiß er allerdings angeblich selbst noch nicht. „Ich konzentriere mich bis zuletzt auf den DOSB“, sagte er. Zum Jahreswechsel besucht er mit der ganzen Familie seinen Sohn, der in Mexiko arbeitet. „Danach“, sagt Vesper: „schaue ich, was das Leben so bringt.“