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Ausgabe Oktober 2017

Landessportbünde

Die Frage, ob es das in der öffentlichen Diskussion viel zitierte Bädersterben wirklich gibt, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Das machte Prof. Dr. Lutz Thieme vom RheinAhrCampus Remagen beim Forum „Schwimmbäder in der Sportstättenentwicklungsplanung“ deutlich, zu dem der Landessportbund in Kooperation mit Städtetag, Gemeinde- und Städtebund sowie Landkreistag Rheinland-Pfalz und dem Institut für Sportstättenentwicklung (ISE) in die Räumlichkeiten des Sportbund Pfalz nach Kaiserslautern geladen hatte.

„Wir wissen eigentlich nicht, wie die tatsächliche Bäderentwicklung ist und kennen auch nicht den Zusammenhang zwischen Bädern und Schwimmfähigkeit“, sagte Thieme, der einst als Leistungsschwimmer in der ehemaligen DDR sowie als Rettungsschwimmer aktiv war und noch heute als Wasserballer in der vierten Liga aktiv ist. „Dass es da keinen Zusammenhang gibt, glaube ich nicht.“ Aber Thieme ist sich sicher, „dass es noch von so vielen, vielen anderen Faktoren abhängt“: Wie leistungsfähig sind die Vereine? Wie gut sind die Lehrer ausgebildet? Welche Elternschaft steht dahinter? Fragen, die man nicht einmal für einzelne Kommunen beantworten könne. In Koblenz könne man eventuell von einem Bädersterben sprechen, so der gebürtige Weimarer vor fast 40 Zuhörern aus Vereinen, Verbänden und Kommunen. „Für Bonn könnte ich das nicht sagen.“

Laut einer Statistik der Länder gab es im Jahr 2002 in Rheinland-Pfalz 370 Bäder. Nach einer Erhebung der Hochschule Koblenz waren es 2015 genau 311 Bäder (mit Schulschwimmbädern), davon 17 Kombibäder – insgesamt 328 Bäder. „Ein Rückgang der Bäder in Rheinland-Pfalz zwischen 10 und 15 Prozent ist plausibel anzunehmen“, sagte Thieme. „Der Deutsche Schwimmverband verliert aber mehr an Mitgliedern in diesem Zeitraum – und es sind auch mehr Krankenhäuser geschlossen worden in diesem Zeitraum.“ Will sagen: Die Gesellschaft baut sich im wörtlichen Sinne um. Um die Bäderentwicklung objektiv zu bewerten, dazu mangele es an jedwedem empirischen Material. In jedem Fall, waren sich Experten im Publikum einig, finde eine besorgniserregende Erosion statt. Bei einer abnehmenden Anzahl von Bädern werde die Wasserfläche durch Angebote aus dem Gesundheitssport wie Aquafitness, Aquagymnastik und Aquajogging, viel intensiver genutzt als früher. In der Folge verschärfe sich der Verteilungskampf um die immer knapper werdenden Wasserflächen.

„Wir haben ein Verteilungsproblem“, konstatierte DSV-Vizepräsident Wolfgang Hein vor dem Hintergrund, dass die „Vereine zunehmend aus den Hallen- und Freibädern verdrängt“ würden, keine Kurse mehr anbieten dürften – aber höhere Beckenpreise bezahlen müssten dafür, dass sie qualifizierten Unterricht anbieten. „Es ist mehr als gerecht, wenn man fordert, dass das Schwimmen weiterhin eine große Rolle in unserer Gesellschaft spielt.“ Dass für ein großes Spaßbad zum Planschen drei Bäder schließen, in denen man Schwimmen könne, dürfe nicht sein.

Mit Blick auf den Betrieb und die Wirtschaftlichkeit von Schwimmbädern betonte Andreas Ziegenrücker, Geschäftsführer der A-Z Bäderbetriebsberatung GmbH in Kirchen/Sieg, dass kommunale Schwimmbäder keine Luxusgüter darstellen, sondern eine freiwillige öffentliche Aufgabe.

Klar sei aber auch, dass der Betrieb von Bädern einen erheblichen Zuschussbedarf verursache, da die Kosten bei weitem nicht durch Eintrittsgelder oder Erstattungen gedeckt würden. Wobei die Kostendeckungsgrade der Hallen- und der kombinierten Freibäder höher seien als die der reinen Freibäder (hier bestenfalls 50 Prozent). Den größten Aufwand verursachten die Personalkosten, die zwischen 32 und 49 Prozent lägen. „Selbst eine Kassiererin kriegen Sie heute nicht mehr unter 25.000 Euro“, erläuterte Ziegenrücker.

Aus der Praxis berichtete Torsten Traxel, Vorsitzender des Mainzer Schwimmvereins 1901, der  seit dem Jahr 2006 Schwimmbadbetreiber des Hallen- und Freibads in Mainz-Mombach ist. „Es war eine reine Überlebensfrage, warum wir uns mit dem Thema beschäftigt haben, das 1979 eröffnete Hallenbad und das 1975 eröffnete Freibad komplett in Eigenregie zu übernehmen“, sagte der Diplom-Sportlehrer und DOSB-A-Trainer Schwimmen. Denn die Stadt Mainz hätte den damals maroden Standort aus finanziellen Gründen ansonsten geschlossen. „Dann hätten wir heute keine 200.000 Schwimmbadbesucher pro Jahr, 21 Mainzer Schulen wären ohne den Schulsport Schwimmen und 18 Vereine ohne Schwimmhalle“, erläuterte Traxel. „Außerdem wären 14.000 Frühschwimmer und 15.000 AquaFitness-Aktive ohne Wasser und 3.500 Kursteilnehmer pro Jahr ohne Schwimmkurs.“ Laut Traxel spart die Stadt Mainz dank seines Vereins jährlich 2 bis 2,5 Millionen pro Jahr ein und darf sich zusätzlich über eine Immobilie freuen, „die im Wert erhalten – wenn nicht aufgewertet – wird“.

Quelle: www.lsb-rlp.de