arag sid

Dezember 2020

Top-Thema

London (SID) – Sabine Lisicki lachte und weinte zugleich: Im Achtelfinale von Wimbledon schaffte sie die Sensation und bezwang Top-Favoritin Serena Williams in drei Sätzen. Tommy Haas scheiterte dagegen an Novak Djokovic.

Es dauerte einige Minuten, bis das Lächeln zurückgekehrt war. Ihr Markenzeichen hatte Sabine Lisicki im Moment ihres größten Triumphes verloren, die Gesichtszüge spielten verrückt, sie wollte strahlen und weinte zugleich hemmungslos. „Das ist unglaublich, einfach unglaublich“, stammelte sie nach dem 6:2, 1:6, 6:4 gegen Serena Williams, der Sensation im Achtelfinale von Wimbledon.

Als Tommy Haas am Abend in seinen Bemühungen scheiterte, es ihr gleichzutun und mit 1:6, 4:6, 6:7 (4:7) gegen den Weltranglistenersten Novak Djokovic aus Serbien ausschied, waren Lisickis Freudentränen längst getrocknet. „Jetzt ist wieder alles okay. Wer mich kennt, weiß, dass ich eine emotionale Person bin“, sagte Lisicki. Das Glücksgefühl hielt sogar an und begleitete Sabine Lisicki auch im Viertelfinale gegen die ungesetzte Kerber-Bezwingerin Kaia Kanepi (Estland). Mit 6:3, 6:3 zog sie zum zweiten Mal nach 2011 ins Halbfinale von Wimbledon ein. Die letzte deutsche Tennisspielerin, die ein Grand-Slam-Finale erreicht hatte, war Steffi Graf 1999 in Wimbledon.

Die Frage nach den Titelchancen im offenen Feld, in dem nun alle Top-Favoriten ausgeschieden sind, ließ sie allerdings unbeantwortet. Fed-Cup-Kollegin Andrea Petkovic traut Lisicki nun allerdings alles zu. Bei Twitter gratulierte sie: „Unglaublich, Olle!!! Glüüüückwuuuunsch! Hol dir das Ding.“ Auch NBA-Star Dirk Nowitzki schloss sich an: „Wahnsinn. Glückwunsch.“ Bundestrainerin Barbara Rittner war ergriffen und fand es „beeindruckend schön, dabei gewesen zu sein“.

Auch international überschlugen sich die Experten. BBC-Experte John McEnroe sprach von „der größten Sensation im bisherigen Turnierverlauf“. Dabei ist es doch das Wimbledon der Überraschungen. Roger Federer, Rafael Nadal, Maria Scharapowa – es gab so viele unerwartete Niederlagen, dass das Wort von der Sensation beinahe inflationär im All England Club herumgeistert. Lisickis Sieg über Serena Williams war allerdings genau das.

34 Spiele hatte die 31 Jahre alte Amerikanerin nicht mehr verloren, dabei sechs Turniere gewonnen und auch in Wimbledon nie den Anschein erweckt, als könne sie überhaupt gefährdet werden. Fünfmal hatte sie zuvor im Südwesten Londons triumphiert, doch irgendwie hätte Williams etwas ahnen müssen, als sie auf das Duell mit Lisicki zusteuerte.

Dreimal war die Deutsche schon ins Viertelfinale beim wichtigsten Tennisturnier der Saison eingezogen, dreimal schlug sie dabei die amtierende French-Open-Siegerin. In dieser Saison gewann die US-Amerikanerin in Paris und fiel ebenfalls Lisicki zum Opfer. „Das wusste ich natürlich, es war ein gutes Omen und hat mir Energie gegeben“, sagte Lisicki.

Williams wollte nicht von einer Sensation sprechen. „Die Niederlage ist für mich kein Schock, weil Sabine auf Rasen einfach gut ist“, sagte sie: „Sie ist immer da, wenn es gegen große Spieler auf den großen Plätzen geht.“ Williams wirkte gefasst, auch wenn sie die Niederlage als „riesige Enttäuschung“ bezeichnete. „Sabine hatte nichts zu verlieren und hat unglaublich frei und aggressiv gespielt.“

Dabei war Lisickis Lauf im dritten Durchgang eigentlich schon beendet. 0:3 lag sie zurück, die Anzahl derer, die noch auf die 23-Jährige setzten, lag schon nicht mehr im messbaren Bereich. Doch Lisicki gab nicht auf, so wie sie es zuvor angekündigt hatte, eben weil Serena „auch nur ein Mensch“ sei. Bei 3:4 wehrte sie drei Breakbälle ab, nahm Williams den Aufschlag zum 5:4 ab und verwandelte nach 2:04 Stunden ihren zweiten Matchball. „Das ist definitiv der größte Erfolg meiner Karriere“, sagte sie später.

Mit seinen 35 Jahren hat Tommy Haas schon einige große Siege gefeiert, schon zweimal bezwang er in seiner Karriere die Nummer eins der Welt, zuletzt im März beim Masters in Miami. Diesmal war der Routinier gegen Novak Djokovic jedoch chancenlos. Haas knüpfte zwar nicht an die starken Vorstellungen der ersten drei Runden an, sein Aus hatte jedoch vielmehr mit dem herausragenden Auftritt des Serben zu tun.

„Er returniert sehr gut, passiert unmenschlich und gibt dir kaum freie Punkte. Seine Flexibilität in den Ecken ist beeindruckend“, sagte Haas, der seinen Auftritt mit gemischten Gefühlen betrachtete: „Im ersten Satz habe ich viel zu viele Fehler gemacht. Danach war es eigentlich ganz gut. Aber ich hatte nie das Gefühl, gutes Rasentennis zu spielen.“

Djokovic, Wimbledonsieger von 2011, rutschte an der Grundlinie hin und her und ließ sich auch von Haas‘ gewohnt variablem Angriffstennis kaum aus der Balance bringen. Haas raunzte „Jesus“ in den Abendhimmel von London, doch selbst göttlicher Beistand hätte gegen diesen Djokovic kaum ausgereicht.