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Juli 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Lausanne (SID) Dort, wo er ab Herbst als neuer IOC-Präsident residieren könnte, hat Thomas Bach Anfang Juli eine „Bergetappe auf dem Weg zum Olymp“ genommen. Der 59-Jährige wirkte befreit nach hohem Lob für seine „Regierungserklärung“, sprach erstmals näher über Konsequenzen der neuen Position.

Er würde mit Ehefrau Claudia nach Lausanne ziehen, seine Tätigkeit als Wirtschaftsanwalt auf ein Minimum reduzieren, nur noch den Aufsichtsratsvorsitz der Weinig AG behalten. „Da gibt es keine Interessenskonflikte mit der Position des IOC-Präsidenten. Das ist bereits mit der Ethik-Kommission geklärt“, sagt Thomas Bach, der nach der wichtigen Zwischenetappe wie befreit wirkte und mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) erstmals näher über Konsequenzen des wahrscheinlicher werdenden Wechsels auf den IOC-Chefsessel sprach.

„Noch ist es nicht soweit. Aber wenn ich am 10. September bei der IOC-Session in Buenos Aires gewählt werde, ziehe ich mit meiner Frau nach Lausanne. Als IOC-Präsident müsste ich wie mein Vorgänger Jacques Rogge von dort aus arbeiten. Nicht nur, weil am Genfer See 60 internationale Verbände sitzen“, sagt Bach.

Angesichts des dann noch gedrängter werdenden Zeitplans in seinem Leben macht der 59-Jährige deutlich: „Ich würde beruflich stark reduzieren, die Aufgaben des IOC-Präsidenten sind zu komplex. Den Aufsichtsratsvorsitz der Maschinenbaufabrik in meiner Heimatstadt möchte ich behalten. Aber ich muss sehen, wie sich das mit der Arbeitsbelastung verbinden lässt.“

Dutzende Male war Thomas Bach bereits in Lausanne, seit 1915 Sitz des IOC. „Doch außer Hotels, dem IOC-Hauptquartier und dem Olympischen Museum habe ich nicht viel gesehen.“ Was er weiß: „Es ist eine Stadt mit hoher Lebensqualität.“

Konsequenz seiner Wahl durch die Mehrheit der fast 100 IOC-Mitglieder wäre auch, dass Thomas Bach mit sofortiger Wirkung das Amt des Präsidenten im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) abgibt. Für eine Interimszeit würde diese Position Schatzmeister Hans-Peter Krämer übernehmen. Zu Spekulationen über mögliche Nachfolger sagt Thomas Bach: „Dazu ist jetzt nicht die Zeit.“

Klar wäre, dass Bach nur noch bedingt „nationale“ Termine wahrnehmen könnte, weil ihn der internationale Kalender noch stärker fordert. Und er wäre als IOC-Präsident auch nicht der Mann, der deutsche Interessen pushen könnte. Anders als Ex-IOC-Chef Juan Antonio Samaranch, der nach seiner Wahl 1980 ins Amt massiv das Projekt Sommer-Olympia 1992 in seiner Heimatstadt Barcelona vorantrieb, würde sich Thomas Bach als „Präsident des internationalen Sports“ hier zurückhalten.

In Lausanne gewann Bach aus Sicht vieler Beobachter eine „Bergetappe“ auf dem Weg zum Olymp. „Er erhielt von den sechs Präsidentschafts-Kandidaten bei der Vorstellung seines Konzeptes den stärksten Beifall“, sagte das einflussreiche südafrikanische IOC-Mitglied Sam Ramsamy. „Thomas Bach ist sicher der Favorit, keine Frage“, sprach Gian-Franco Kasper, Präsident des Ski-Weltverbandes FIS, das aus, was offenbar viele IOC-Kollegen denken. Längst vor Bekanntgabe der Kandidatur hatte IOC-Chef Jacques Rogge über Bach gesagt: „Er hat alles, was ein IOC-Präsident braucht.“

Doch ähnlich lobte der 71 Jahre alte Belgier, der beim Amtsantritt vor 12 Jahren genauso alt war wie Bach heute, auch dessen Rivalen. Richard Carrion (60), IOC-Schatzmeister, lacht erfreut, als er als „Mann des Geldes im IOC“ bezeichnet wird: „Das ist nicht alles. Es gilt vor allem, die Werte des Sportes zu erhalten“, sagt der Banker aus Puerto Rico. Der ebenfalls millionenschwere Ng Ser Miang (Singapur/64), wie Bach aktueller IOC-Vizepräsident, erntete Lob für sein Programm „Zurück zu den Wurzeln“.

Keine Frage: Auch Bachs Rivalen haben ihre Chance. „Ich bin Athlet, für mich ist das Ziel erst am Tag des großen Finales erreicht“, sagt Bach. Die Zeit bis Buenos Aires, das im Jahr nach seinem Olympiasieg 1976 auch Schauplatz von Bachs letztem WM-Titel mit dem deutschen Degen-Team war, nutzt er, um mit IOC-Mitgliedern an vielen Orten der Welt letzte Fragen zu klären. So bei der Leichtathletik-WM im August in Moskau: „Dort haben wir noch eine Exekutiv-Sitzung des IOC.“