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Juli 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Der frühere IOC-Vizepräsident Berthold Beitz ist am 30. Juli im Alter von 99 Jahren gestorben. Dies bestätigte das Unternehmen ThyssenKrupp, in dem Berthold Beitz im Aufsichtsrat und als Chef der Krupp-Stiftung die Geschicke des Stahlriesen lange Zeit maßgeblich bestimmt hatte. Für das Internationale Olympische Komitee war Beitz, der von 1972 bis 1988 zu den einflussreichsten deutschen Sportpolitikern gezählt hatte, gerade in den Zeiten des Kalten Krieges von besonderem Wert. Er half Brücken zwischen Ost und West zu bauen und trug nach Moskau 1980 und Los Angeles 1984 seinen Teil zum Ende der olympischen Boykott-Ära bei.

„Wir trauern um Berthold Beitz und sind in Gedanken bei seiner von ihm so geliebten Familie“, meinte Thomas Bach in einem Nachruf. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) weiter: „Berthold Beitz war eine prägende Persönlichkeit des deutschen und internationalen Sports. Er hat sich immer für Verständigung eingesetzt und insbesondere in Zeiten des Kalten Krieges wichtige Brücken zwischen Ost und West geschlagen.“ Bach, wie einst Berthold Beitz IOC-Vizepräsident: „Er war dem Sport und mir persönlich bis in die letzten Tage seines Lebens ein zugänglicher und inspirierender Ratgeber und Helfer.“

Auch Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Beitz und betrauerte dessen Tod. „Deutschland hat einen Mann verloren, dem Gemeinschaft nicht nur ein Wort, sondern ein Wert war – einer der höchsten überhaupt“, ließ Gauck mitteilen: „So viele kraftvolle Erinnerungen sind mit seinem Namen verbunden: das deutsche Wirtschaftswunder, olympische Erfolge, die Kulturstiftung Ruhr und – wofür ich ihm bleibend dankbar bin – die innere Einheit Deutschlands, für die er sich so unermüdlich engagiert hat.“

Beitz, der am 26. September 100 Jahre alt geworden wäre, wurde aufgrund seiner Verdienste in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. Dort steht hinter seinem Namen „Menschenretter, Unternehmer, Sportfunktionär“. Er galt als „Star ohne Allüren“, oder „Diplomat ohne staatlichen Auftrag“, wie Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt bei der Laudatio zum 90. Geburtstag von Beitz gesagt hatte, ehe er sich vor ihm verbeugte. Den 99. Geburtstag hatte Berthold Beitz vor gut zehn Monaten mit seiner Ehefrau Else gefeiert, die er auf dem Tennisplatz kennengelernt hatte und dann 74 Jahre mit ihr verheiratet war.

„Mit Berthold Beitz ist eine herausragende Persönlichkeit von uns gegangen, die das Unternehmen im Geiste von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach entscheidend geprägt hat“, sagte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner. Er habe richtungsweisende Veränderungen im Konzern begleitet und unterstützt.

Als Seiteneinsteiger ins Internationale Olympische Komitee (IOC) gekommen, zählte der Generalbevollmächtigte des Krupp-Konzerns, der schon wegen des Firmenlogos den Beinamen „Herr der Ringe“ trug, lange zu den einflussreichsten deutschen Sportpolitikern. Von 1984 bis 1988 war Beitz IOC-Vizepräsident. Ein Amt, das man ihm antrug, um ihn über das Alterslimit hinaus im IOC zu halten.

Dem Sport war er vor allem als Mäzen verbunden. Der Visionär Willi Daume berief ihn zum OK-Chef der olympischen Segelwettbewerbe 1972 und setzte gegen erhebliche Widerstände im deutschen Sport seine Aufnahme ins IOC durch. Nach seinem Ausscheiden aus dem IOC und der Ernennung zum Ehrenmitglied sammelte Beitz Millionen für den Aufbau des Olympischen Museums in Lausanne.

Noch 2012 arbeitete Beitz, wie er damals dem SID auf Anfrage bestätigte, täglich im Büro nahe der Essener Villa Hügel, wo die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung saß. Unter ihm als Kuratoriumsvorsitzendem schüttete die Stiftung über 600 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke aus. Als Ehrenvorsitzender gehörte Beitz zum Aufsichtsrat von ThyssenKrupp.

Im zweiten Weltkrieg hatte Beitz zusammen mit seiner Frau als kaufmännischer Leiter der Karpathen-Öl AG im polnischen Boryslaw das Leben von Hunderten Juden gerettet, indem er sie aus den Deportationszügen der Nazis befreite. „Ich habe spontan gehandelt. Ich musste es einfach tun“, sagte er später in einem seiner wenigen Interviews. 1973 wurde Beitz dafür von Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, als „Gerechter der Völker“ geehrt.