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September 2020

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Stockholm/Frankfurt (SID) Die deutschen Fußballerinnen haben den sechsten EM-Triumph in Folge und den achten insgesamt gefeiert. Nach dem anschließenden Party-Marathon brauchen die Spielerinnen erst einmal Urlaub.

Als die „Feier-Biester“ am Tag nach dem Finale in die Chartermaschine von Stockholm nach Frankfurt/Main stiegen, waren die Augen klein, der eine oder andere Kopf dröhnte. Bis in die Morgenstunden hatten es die deutschen Fußballerinnen nach ihrem EM-Triumph krachen lassen, ehe sie aufbrachen, um sich auf dem Frankfurter Römer von ihren Fans bejubeln zu lassen. Bundestrainerin Silvia Neid, vom Boulevard schon „Königin Silvia“ getauft, fürchtete allerdings, der Effekt ihres „Jungbrunnens EM“ könnte sich durch den Party-Marathon umkehren.

„Dieses Turnier und die Spielerinnen haben mich zehn Jahre jünger gemacht. Ob das nach den ganzen Feierlichkeiten noch so ist, weiß ich aber nicht“, sagte Neid, die „eigentlich“ 49 Jahre alt ist, nach dem 1:0 (0:0) im Endspiel gegen Norwegen. In einer rauschenden Nacht vor dem Rückflug waren die Bundestrainerin, ihre Final-Heldin Nadine Angerer und die anderen 22 Europameisterinnen im Teamhotel in den Genuss der Entertainment-Qualitäten des überaus gut gelaunten DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach gekommen.

Mit dem Hut der Match-Winnerin Angerer auf dem Kopf führte der Ex-Pressechef unter anderem ein Interview mit der Spielführerin für „Radio DFB“, bei dem er der Torhüterin im Flachs vorwarf, sie habe die zwei parierten Elfmeter „nicht festgehalten“. Zwischen den Sprüchen während seiner launigen Rede, die für prächtige Stimmung bei den knapp 200 Partygästen sorgte, fand der Verbandsboss aber auch ernst gemeinte Worte, mit denen er die Leistung des runderneuerten Teams würdigte.

„Die Mannschaft hat sich als verschworene Einheit präsentiert. Das war das Erfolgsgeheimnis“, sagte Niersbach: „Das Team hat noch ein große Zukunft vor sich und wird uns noch viel Freude bereiten.“ Seinen herzlichsten Dank richtete der Präsident, der mehrfach von den Siegesgesängen der Spielerinnen unterbrochen wurde, aber an Silvia Neid. „Letztlich war es Deine Arbeit. Du hast so erfolgreich den Generationswechsel vollzogen“, sagte Niersbach, bevor er mit der Trainerin das Tanzbein schwang.

Dass am Ende der ganz große Erfolg gefeiert werden konnte, war vor allem Angerer und Joker Anja Mittag zu verdanken. Die Torhüterin hatte in einem dramatischen Endspiel gleich zwei Foulelfmeter (29. und 61.) pariert, die erst zu Beginn der zweiten Hälfte eingewechselte Schweden-Legionärin Mittag den entscheidenden Treffer (49.) erzielt. Beide sorgten dafür, dass die Tränen der Enttäuschung exakt 750 Tage nach dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-WM endgültig getrocknet wurden.

Die Mannschaft Neids, die bei der Endrunde ohne sechs verletzte oder kranke Stammkräfte auskommen musste, schrieb durch den Sieg im schwedischen Solna vor der neuen EM-Rekordkulisse von 41.301 Zuschauern die Erfolgsgeschichte der DFB-Auswahl fort. Die deutschen Frauen sind nach ihrer achten Final-Teilnahme zum achten Mal als Siegerinnen vom Platz gegangen – zum vierten Mal nach 1989, 1991 und 2005 hieß der geschlagene Endspiel-Gegner Norwegen.

„Dieser Titel ist außergewöhnlich schön, weil man unseren jungen Spielerinnen das nicht zugetraut hat“, sagte Neid, die aufgrund der personellen Probleme das jüngste Team der Endrunde (23,5 Jahre im Schnitt) hatte zusammenstellen müssen. „Das ganze Turnier hat uns alle so zusammengeschweißt, so etwas hat man nicht oft. Das kommt tief aus dem Herzen heraus“, sagte die Trainerin, deren Schützlinge die EM-Rekordprämie in Höhe von 22.500 Euro pro Kopf kassieren.

Von Herzen kamen auch die zahlreichen Glückwünsche aus Politik und Sport. Zu den Gratulanten gehörten unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Männer-Bundestrainer Joachim Löw, Spieler der Männer-Nationalmannschaft, Liga-Boss Reinhard Rauball, DOSB-Präsident Thomas Bach und Basketball-Star Dirk Nowitzki.

„Mit Ihrer großartigen Leistung haben Sie einmal mehr gezeigt: Der deutsche Frauenfußball gehört zur Weltspitze“, schrieb Gauck in seinem Telegramm an den zweimaligen Weltmeister, der am 21. September in Cottbus gegen Russland in die Qualifikation zur WM 2015 in Kanada startet. Merkel wählte in ihrem Fax an Neid ähnliche Worte: „Ihr Team hat eindrucksvoll seine internationale Klasse mit Fußball auf höchstem Niveau unter Beweis gestellt. Es hat die Menschen in unserem Land mit seiner leidenschaftlichen und kämpferischen Spielweise begeistert.“

Löw freute sich vor allem für seine Kollegin Neid, die nach der schwachen Vorrunde in die Kritik geraten war: „Sie hat es wieder allen gezeigt. Sie kann stolz sein auf diese junge Mannschaft, die auch im Finale wieder alles gegeben und sich wie im gesamten Turnier nie aufgegeben hat.“