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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Eine vier Jahre alte Studie unter Fußballern in den deutschen Profiligen sorgt weiter für erheblichen Wirbel. Einem Bericht von Spiegel online zufolge geraten Profis durch die Untersuchung verstärkt unter Dopingverdacht. Während die Doping-Experten Perikles Simon, Werner Franke und Fritz Sörgel diese Sichtweise eindeutig stützen, kritisierte DFB-Teamarzt Tim Meyer, Mitinitiator der betreffenden Studie, eine derartige Interpretation auf das Schärfste.

„Ich stelle mich gern einer sachlichen und fachlich seriösen Diskussion. Die hier vorgenommene Interpretation ist falsch und statistisch nicht haltbar. Wenn man große Stichproben hat, sind extreme Werte nicht zu vermeiden und keineswegs als Dopingfolge zu interpretieren“, sagte Meyer dem SID.

Laut Spiegel online brachten während der Saison 2008/09 bei 532 Spielern aus den deutschen Profi-Fußballligen entnommene Blutproben Hämoglobinwerte von bis zu 18,5 Gramm pro Deziliter und Hämatokritwerte von bis zu 54,9 Prozent hervor. Der Mainzer Dopingforscher Perikles Simon sagte Spiegel online, Werte im Hämoglobin über 18 und im Hämatokrit über 52 seien „sehr, sehr hoch“. Er bezeichnete die Werte als „klinisch relevant und weiter kontrollbedürftig, oder es würde Doping bei einem im Kern gesunden Profi zumindest nahelegen“. Er habe höhere Werte schon bei Personen gesehen, „die nicht gedopt waren, aber sich dafür vier Wochen in der Höhe aufgehalten haben oder erkrankt gewesen sind“.

Franke erklärte dem SID, derartige Werte seien „ohne Zweifel nachprüfenswürdig“. Es gebe nur zwei Alternativen: „Entweder Höhentraining oder anderweitige Entziehung von Sauerstoff beziehungsweise Doping“, sagte der Molekularbiologe.

Meyer, Direktor des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes, verwies dagegen erneut darauf, dass in der betreffenden Studie nur bei knapp einem Prozent der Spieler ein Hämoglobinwert über 17 Gramm pro Deziliter vorlag. Bei Männern liege nach dem Standardwerk der Labormedizin in Deutschland der Normalbereich zwischen 14 und 17,5 Gramm, und 2,5 Prozent der gesunden männlichen Bevölkerung lägen sogar über 17,5 Gramm pro Deziliter.

„Damit liegen schätzungsweise vier bis fünf Prozent der gesunden Männer über 17,0 g/dl, so dass die Fußballer offenbar deutlich seltener hochnormale Werte haben, als es in der Allgemeinbevölkerung der Fall ist“, sagte Meyer in einem dfb.de-Interview. Er verwies zudem darauf, dass die Laborwerte seinerzeit an die Vereinsärzte übermittelt worden seien. Zuvor hatte der Nürnberger Doping-Experte Fritz Sörgel Meyer und die Anti-Doping-Politik des DFB heftig kritisiert.

Meyer und sein Co-Autor Steffen Meister hatten in der Saison 2008/2009 bei den Probanden, die sich freiwillig gemeldet hatten, viermal Proben genommen: vor Saisonstart, im Herbst, im Winter und im Frühjahr. Die Werte von 467 Profifußballern sind schließlich in die Studie eingegangen. Die Werte der Untersuchung sind vollständig anonymisiert.

Nach einer Anfrage von Spiegel online an zahlreiche aktuelle und ehemalige Bundesliga-Vereine verschickte DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig am ende August eine Mail an alle Klubs. Darin soll Rettig laut Spiegel online eine Einordnung von Tim Meyer zitiert haben, in der der DFB-Teamarzt versichert, dass es bei der Untersuchung keinesfalls um die Frage gegangen sei, ob Dopingauffälligkeiten bestanden hätten. Deshalb seien bestimmte für Doping relevante Parameter wie die Retikulozytenkonzentration nicht erfasst worden. Nach SID-Informationen genügen die erhobenen Parameter auch nicht für die Einleitung eines Verfahrens auf Grundlage des indirekten Dopingnachweises.

Dopingexperte Sörgel übte erneut Kritik. „Bei solchen abweichenden Werten ist der Sportler zusammen mit dem Teamarzt in der Beweispflicht, dass das eine genetische Abnormalität und kein Doping ist“, sagte Sörgel: „Warum sollte der Fußball hier eine Ausnahme sein? Bei solchen Werten gibt es in anderen Sportarten nicht mehr viel zu diskutieren.“ Laut Spiegel online habe DFB-Arzt Meyer selbst in der Studie angemerkt, dass die Werte auf den Gebrauch von Epo oder Blutdoping hinweisen könnten.

Trotzdem sei den Werten bis heute niemand nachgegangen, schrieb das Nachrichtenportal, „sie wurden weder öffentlich gemacht noch an die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) zur Registrierung weitergegeben“.