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September 2020

Landessportbünde

Nordrhein-Westfalen ist Industrieland und bedeutender Wirtschaftsstandort. Doch mehr als zwei Drittel seiner über 34.000 Quadratkilometer Fläche ist ländlich geprägt. Eine herrliche Landschaft reiht sich an die nächste. Etwa sechs Millionen Menschen leben so auf dem Lande”. Was heißt das für den Sport? Ein Ausflug aufs Land liefert Antworten.

Wer durch den münsterländischen Kreis Coesfeld reist, erlebt Idylle pur. Sattes Grün, weiter Blick, gute Luft. Romantische Wasserschlösser und Burgen laden zum Verweilen ein. Rund 190 Menschen pro Quadratkilometer leben in dem Kreis mit seinen elf Gemeinden (im Ruhrgebiet: 1.158).

 

Wichtig für die soziale Bindung: der Sportverein auf dem Land

Bernd Heuermann, Vorsitzender des KSB Coesfeld, schätzt das Landleben. „’Heile Welt‘ in Anführungsstrichen“, meint der Billerbecker schmunzelnd. Den Sport sieht er im Kreis gut aufgestellt. „Für die soziale Bindung ist der Sportverein, der Verein überhaupt, im ländlichen Raum enorm wichtig“, weiß er. Überwiegend böten die Vereine mehrere Sportarten an, vom Fußball bis zum Tischtennis. Auch Gesundheitskurse und der Sport für Ältere hätten eine lange Tradition. Und: „Bei uns gibt es in jedem Ort einen Reitverein.“

Kein Wunder. Weiträumige Flächen für Sportarten wie Reiten, Wassersport, Joggen, Segelfliegen oder Golfen sind das große Plus für den Sport auf dem Land. Doch nicht alles ist „heil“ in Coesfeld. Wo die Chancen im schulischen Ganztag lägen, „da bedarf es noch der Aufklärungsarbeit bei den Vereinen“, streift Heuermann ein nicht untypisches Problem im ländlichen Raum.

 

Weite Sporträume für Sportarten wie Laufen, Reiten, Radfahren

Viele Vereine fürchten einen Mitgliederschwund durch den Ganztag. Hier sei man beim KSB aber auf einem guten Weg. Unterstützung biete eine neue Fachkraftstelle „NRW bewegt seine KINDER!“.

Auf den Nägeln brennt Heuermann etwas anderes. Es hapere bei der Verantwortungsübernahme, beklagt er ein Phänomen, das aber nicht nur den Sport auf dem Land betrifft: „Es ist sehr schwierig, Nachfolger für die Vereinsvorstände zu finden.“ Obwohl das Ehrenamt insgesamt sehr geachtet sei. Es gäbe lediglich einen hauptamtlichen Geschäftsführer im gesamten Kreis. Das wiederum ist typisch für das Ländliche, in dem sich kleine Vereine eben keine Hauptamtlichkeit leisten können.

Dennoch macht sich Heuermann keine Sorgen um die Interessenvertretung der Vereine: „In unseren Gemeinden hat jeder Vorsitzende oder Geschäftsführer seine Verbindungen in die Verwaltung und die Politik. Die sind von Jugend an gewachsen und werden gepflegt.“

Das mag nicht überall so gut gelingen. Daher überprüft der Landessportbund NRW in einem Modellprojekt, ob es sinnvoll ist, weitere Stadt- und Gemeindesportverbände zu gründen, um die „Politikfähigkeit“ der Vereine im ländlichen Raum organisatorisch zu stärken. Coesfeld zählt, neben Höxter und Mettmann, zu den Modellkreisen.

 

Hünxe ist Spitze

Doch ländlicher Raum ist nicht gleich ländlicher Raum: A 59 Richtung Dinslaken, vorbei an der ehemaligen Zeche Lohberg. Am Horizont die Kühltürme von Steinkohlekraftwerken. Nur zehn Kilometer weiter soll es ländlich sein? Bauernhöfe, Kühe, Weiden?

Kaum vorstellbar und doch ist es so: Hünxe liegt am nördlichen Rand des Ruhrgebiets, 14.000 Einwohner, die meisten von ihnen sind Pendler. In dieser Gemeinde sind über 70 Prozent aller Bürger im Sportverein organisiert. Ein Spitzenwert in NRW. In Köln sind es rund 23 Prozent. Ein Grund: „Im ländlichen Raum im Umfeld von Wirtschaftszentren gibt es einen höheren Anteil von Kindern und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung, weil viele Eltern ‚rausziehen’“, erklärt Professor Dr. Christoph Breuer, Deutsche Sporthochschule Köln. Und die werden im Sportverein angemeldet…

 

Standortfaktor Sport

„Sport ist für uns ein wichtiger Standortfaktor“, sagt Hünxes Bürgermeister Hermann Hansen. „Bei Unternehmensansiedlungen kommt irgendwann immer die Frage nach den Sportmöglichkeiten. Und da können wir punkten.“ Auch deshalb investiert seine Gemeinde aktuell 4,3 Millionen Euro in die Sanierung einer Schwimmhalle, eines Sportplatzes und in die Umkleiden einer Dreifachturnhalle.

„Die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Vereinen ist für uns sehr wichtig. Die Sanierung des Schwimmbades wird komplett von den Schwimmfreunden Hünxe umgesetzt und die Pflege des Sportplatzes vom Sportverein übernommen.“

Und Platz ist in Hünxe ebenfalls. So betreibt der TV Bruckhausen-Hünxe am Baggersee „Tenderingssee“ ein eigenes Strandbad. Im Sommer kommen in Spitzenzeiten 5.000 Besucher – durchaus aus ganz NRW.

Gottfried Benninghoff, Vereinsvorsitzender seit 1987 (!), empfängt Besucher im Vereinsheim. Der Blick fällt auf einen in die Jahre gekommenen Sportplatz, auf eine Grundschule mit zwei Einfachsporthallen. Von hier aus hat Benninghoff mit seinen Mitstreitern einen Verein mit aktuell über 2.200 Mitgliedern „gemacht“.

„Ein Schwerpunkt liegt beim TV auf den gesundheitsorientierten Angeboten. Wir haben früh erkannt, dass das auf große Nachfrage stoßen würde. Die erste Kooperation mit der Grundschule ist auf dem Weg und auch der Sportplatz soll saniert werden.“

 

Demografische Entwicklung und Sportangebot

Weiter geht es: Die Region mit der niedrigsten Bevölkerungsdichte in NRW ist der malerische Kreis Höxter. Nur 120 Einwohner je Quadratkilometer leben hier, und es werden wohl nicht mehr. „Durch die demografische Entwicklung haben wir immer weniger Kinder und Jugendliche in den Vereinen. Momentan schließen sich immer mehr Mannschaften zusammen, um überhaupt noch ihren Spielbetrieb aufrecht zu erhalten“, erläutert KSB-Vorstandsmitglied Gerd Thöne, „diesem Strukturwandel müssen wir uns stellen. Zum Beispiel durch Angebote im Gesundheitsbereich und für Ältere.“

Die Sportvereine spielen auch hier eine zentrale Rolle im Gemeindeleben. „Die großen Highlights auf unseren Dörfern sind jedes Jahr das Sportfest, das Feuerwehrfest und das Schützenfest. Das sind gesellschaftliche Ereignisse, da geht man hin“, erzählt KSB-Pressesprecher Winfried Gawandtka. So mancher Sportverein erwirtschaftet dabei sogar seinen Grundstock für das Jahresbudget.

 

Das andere Konzept: Sport und Tourismus in Nettersheim

Ortswechsel: 300 Kilometer entfernt setzt die Eifelgemeinde Nettersheim auf die Verknüpfung von Tourismus und Sport. Bürgermeister Wilfried Pracht ist zugleich Vorsitzender des Gemeindesportverbandes: „Als ich gewählt wurde, habe ich diesen Vorsitz beibehalten, weil ich die Belange der Sportvereine und die Gemeindeentwicklung verknüpfen wollte.“

In der Folge entstand unter anderem das Projekt Eifel Vital, zu dessen Partnern auch der KSB Euskirchen zählt. Das ganzheitliche Projekt bietet Gästen Naturerlebnisse und Aktivitäten rund um Bewegung, Gesundheit und Ernährung. In einer Gemeinde mit rund 7.500 Einwohnern… Alles keine Frage der Größe.

Foto: Andrea Bowinkelmann – Quelle: www.lsb-nrw.de