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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Hamburg/New York (SID) Noch immer bewahrt Gretel Bergmann den Brief in ihrem Schreibtisch auf. Den Brief, der vor über 28.400 Tagen ihr Leben in ein Davor und ein Danach unterteilte. Bergmann kann das Unrecht der Nazis nicht vergessen. „Frl. Gretel Bergmann“, schrieb ihr Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten am 16. Juli 1936 und erklärte der damals besten Hochspringerin der Welt, dass sie, die Jüdin, für Deutschland nicht an den Olympischen Spielen in Berlin teilnehmen werde.

„Sie werden aufgrund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben“, heißt es in dem Schreiben. Tage zuvor hatte Bergmann den deutschen Rekord auf 1,60 m verbessert. „Heil Hitler!“, so endet der Brief. Am 12. April feierte Bergmann ihren 100. Geburtstag.

„Alles hätten sie mir sagen können, aber nicht, dass ich nicht gut genug sei. Ich war besser als die meisten anderen“, sagt Bergmann, die ein Jahr nach Olympia in die USA auswanderte – und so den Holocaust überlebte: „Das hat mich sehr, sehr wütend gemacht. Ich hätte die ganze Bande umbringen mögen.“

Die Tochter eines Unternehmers träumte von Gold, nichts anderem. „Ich wollte den Deutschen und der Welt beweisen, dass Juden nicht diese schrecklichen Menschen waren, nicht so fett, hässlich, widerlich, wie sie uns darstellten“, sagt Bergmann: „Ich wollte zeigen, dass ein jüdisches Mädchen die Deutschen besiegen kann.“ Doch sie durfte nicht.

Bergmann kommt am 12. April 1914 in Laupheim bei Ulm zur Welt und heißt eigentlich Margaret. Sie ist groß, schlank, sportlich und hat lange Beine – beste Voraussetzungen für eine Hochspringerin. Nach der Machtübernahme der Nazis wird sie in einem Akt vorauseilenden Gehorsams aus ihrem Verein FV Ulm geworfen.

Bergmann geht zum Studium nach England. „Die Nazis zwangen mich aber, wieder zurückzukommen, weil die Amerikaner gefordert hatten, dass deutsche Juden an Olympia teilnehmen müssen, ansonsten würden sie die Spiele boykottieren“, sagt Bergmann: „So wurde ich zum Lockvogel.“ Am 15. Juli 1936 bestiegen die Amerikaner das Schiff Richtung Deutschland – ein Tag später ging der Brief an Bergmann in die Post.

Gold holte dann die Ungarin Ibolya Csak – mit einer Höhe von 1,60 m. „Eine Jüdin“, sagt Bergmann. Für Deutschland sprang Dora Ratjen, die in Wahrheit ein Mann war und Vierte wurde. Mehr als 60 Jahre lang weigerte sich Bergmann, deutschen Boden zu betreten. Erst 1999 reist sie in ihre Heimatstadt Laupheim, die ihr zu Ehren ein Stadion nach ihr benennt. Der Film „Berlin ’36“ erzählt ihre Geschichte, Bergmann ist Mitglied der „Hall of Fame“ des deutschen Sports.

1937 flüchtet Bergmann in die USA – mit vier Dollar in der Tasche. Es gelingt ihr, ihren späteren Ehemann Bruno Lambert und auch ihre Familie rechtzeitig aus Nazideutschland rauszuholen. „Ich kann nicht sagen, dass Gott gut zu mir war, denn ich glaube nicht mehr an ihn, seitdem über sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden“, sagte sie der Welt am Sonntag.

Heute lebt Bergmann in New York, ist Fan der Yankees, liest jeden Tag die Times. Mehr als 75 Jahre war sie mit ihrem Bruno verheiratet – vor einem halben Jahr starb er im Alter von 103 Jahren. „Bruno fehlt mir so sehr. Manchmal wache ich nachts auf, um ihm zu sagen, dass er nicht so schnarchen soll. Leider ist es immer nur ein Traum“, sagt Bergmann.