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September 2020

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St. Martin, Italien (SID) Der Vertrag ist unterschrieben, die feste Absicht besteht – doch ob Joachim Löw wirklich bis mindestens 2016 Bundestrainer bleibt, entscheidet sich erst bei und nach der WM in Brasilien. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) kündigte der 54-Jährige an, nach der Endrunde noch einmal eine Bestandsanalyse durchzuführen. Eine frühere Trennung für den Fall einer sportlichen Enttäuschung schloss er ausdrücklich nicht aus. Einen Rücktritt für den Fall des Titelgewinns aber nahezu schon.

Ohne Spekulationen anzuheizen: Ich weiß natürlich, dass ein Nationaltrainer immer an dem gemessen wird, was bei einem Turnier passiert“, sagte Löw dem SID: „Nach der WM wird sich unser Team der sportlichen Leitung sicher mit den Verantwortlichen zusammensetzen und das Turnier in Ruhe analysieren.

Löw erklärte, er sei von „2006 aus betrachtet einer der ganz wenigen, der noch im Amt übrig geblieben ist. Fast alle anderen Verbände haben seitdem den Trainer gewechselt, den Schnitt gibt es immer nach einem Turnier“. Er gehe aber „aktuell davon aus, dass ich bis 2016 dabei bleibe“.

Konkrete Gedanken an die Zeit danach habe er nicht, versicherte der 54-Jährige. Er habe „eine wunderschöne, wichtige Aufgabe, die mir nach wie vor wahnsinnig viel Spaß macht. Ich will aber auch nicht ausschließen, dass ich irgendwann noch einmal für einen Verein arbeite“. Die Möglichkeiten dazu habe er „in den letzten Jahren immer mal wieder gehabt. Das kam bisher für mich nie infrage“.

Bei der Vertragsverlängerung im Oktober 2013 sei es ihm wie auch dem Verband um eine grundsätzliche Übereinkunft gegangen. „Mir war wichtig, dass der DFB und die Verantwortlichen mit Präsident Wolfgang Niersbach und Generalsekretär Helmut Sandrock an der Spitze auch voll und ganz hinter unserem Konzept stehen“, betonte Löw, der nach dem „Sommermärchen 2006“ vom Assistenten zum Bundestrainer und damit Nachfolger von Jürgen Klinsmann aufgerückt war: „Ich spüre hier die volle Rückendeckung, deshalb gehe ich im Moment davon aus, dass wir – wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen – bis 2016 beim DFB sind und unsere Mission weitergeht.“

Sehr unwahrscheinlich ist für Löw, dass er diese Mission im Falle des Titelgewinns für erfüllt und damit beendet ansieht. „Darüber denke ich nicht nach, ich bin voll konzentriert auf die WM“, erklärte er: „Wenn der Titel erreicht sein sollte, wäre das ein tolles Gefühl. Es könnte schon gut sein, dass dies auch zusätzliche Motivation für die kommenden Jahre wäre. So wie bei Vicente del Bosque, der nach der WM auch die EM gewinnen wollte.“

Vor dem aktuellen Turnier verspüre er keine größere Anspannung, „aber durchaus eine noch größere Vorfreude als vor der WM 2010 oder der EM 2012. Brasilien wird etwas Einmaliges sein. Es ist das Fußball-Land schlechthin, mit rund 200 Millionen Einwohnern, und man hat das Gefühl, jeder einzelne ist fußballbegeistert. Ich denke, es wird eine gigantische WM werden“.

Die gestiegenen Erwartungen der Fans registriere er, „aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass es kein Selbstläufer ist, dass alles passen muss bei so einem Turnier. Da spielen unheimlich viele Faktoren eine Rolle, die sich erst im Laufe des Turniers ergeben: Verletzungen, Sperren in K.o.-Spielen oder auch das Glück, das man zum Beispiel auch in einem Elfmeterschießen braucht. Insgesamt“, so Löw, „verspüre ich keinen größeren Druck als 2010 oder auch 2006.“

Kapitän Philipp Lahm äußerte derweil schon die Hoffnung, über die WM hinaus mit Löw arbeiten zu wollen. „Fakt ist, dass er einen Vertrag hat und wir als Mannschaft sehr gut mit ihm zusammenarbeiten und er uns taktisch immer sehr gut aufstellt“, sagte der Kapitän der Bild-Zeitung.