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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

São Paulo/Rio de Janeiro, 9. Juli (SID) Die Chancen auf ein gutes Leben sind rar in Heliópolis. In dem riesigen Armenviertel der brasilianischen Metropole São Paulo leben 120.000 Menschen auf engstem Raum, viele von ihnen schlagen sich mit Drogenhandel oder sonstigen kriminellen Geschäften durch. Einer der wenigen Auswege ist die Musik.

Tayanne Sepulvada spielt das Horn. Die 20-Jährige kommt aus Heliópolis und ist auf bestem Wege, sich durch die Musik ein besseres Leben zu ermöglichen. „Ich will in einem Orchester spielen und als Lehrerin arbeiten. Das wäre meine erste Wahl. Ich will nichts anderes mehr machen, ich will als Musikerin zu arbeiten.“

Dass Tayanne diese Chance überhaupt hat, verdankt sie auch Volkswagen. Der deutsche Auto-Konzern und andere Firmen finanzieren das mitten in der Favela gelegene Instituto Baccarelli, benannt nach seinem Gründer, dem bekannten Dirigenten Silvio Baccarelli. In der gemeinnützigen Schule werden musikalische und künstlerische Fähigkeiten gefördert.

„Es kommt darauf an, dass unsere Schüler merken, dass sie im Leben auch ohne Kriminalität gewinnen können“, sagt Direktor Edilson Vitorelli: „Hier haben sie nicht nur die Möglichkeit, ihre Talente zu entdecken, sondern können diese auch auf einer Bühne präsentieren und dafür Applaus ernten.“

1200 Kinder und Jugendliche ab vier Jahre sind regelmäßig im Institut und werden von jungen Dirigenten und Musikern unterrichtet. Dabei geht deren pädagogische Funktion über die reine Wissensvermittlung hinaus, sie sind Vorbilder. Auch für Sepulvada aus der Sinfônica Heliópolis, dem Orchester des Viertels. „Ich stelle mir oft vor, von der Musik zu leben, völlig unabhängig.“

Die junge Künstlerin in ihrem weißen Hemd, mit dem Instrument im Schoß und den nach hinten gebundenen Haaren wirkt ernst. Sie weiß um die Probleme in Heliópolis und ihrem Land. Es fehlen noch sehr viele Dinge, um das Leben zu verbessern: „Die Menschen haben keine ausreichende Bildung, aber sie verdienen sie.“ Sepulvada ist „nur noch wegen der Musik hier“, sagt sie: „Sie hat mich gerettet, mir geholfen.“

Auch die Weltmeisterschaft in ihrem Heimatland ändere daran nur wenig. „Was man jetzt macht, ist Brasilien zu schminken, um es zu einem Traumland zu machen. Ein Land, das sich im positiven Wandel befindet“, sagt Sepulvada: „Ihr seht hier während der WM viele tolle Dinge, aber wir sind in anderen Aspekten rückständig; Bildung, Gesundheit, Grundbedürfnisse, die nicht erfüllt werden.“

Was die WM im ganzen Land wohl nicht schaffen wird, kann das Instituto Baccarelli in Heliópolis – es hat etwas bewegt. Heute träumen viele Kinder von einer Musikkarriere und nicht mehr von einem Leben als Drogenbaron. Das früher enorm gefürchtete Viertel ist zu einer Anlaufstelle für talentierte Kinder aus der Umgebung geworden, ein Erweiterungsbau des Instituts für zusätzliche 2300 Schüler ist fast fertig. Die Chancen auf ein gutes Leben werden größer.