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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Stuttgart (SID) Altmeister Eberhard Gienger mit letzter Kraft entthront, die Konkurrenz deklassiert und Selbstvertrauen für die Weltmeisterschaften in China im Oktober getankt: Fabian Hambüchen hat bei den deutschen Kunstturn-Meisterschaften in Stuttgart auf ganzer Linie triumphiert.

Mit vier ersten Plätzen im Mehrkampf, am Boden, beim Sprung und am Reck schraubte der Ex-Weltmeister die Zahl seiner nationalen Titel auf 35 und überholte damit die schwäbische Turnlegende Gienger. Der heutige CDU-Bundestagsabgeordnete sammelte in seiner Karriere in den siebziger Jahren bei deutschen Meisterschaften insgesamt 34 Siege.

Nach zwölf Übungen binnen 24 Stunden schrie der Olympiazweite am Reck nach dem Abgang am Königsgerät seine Erleichterung heraus und bedankte sich artig beim Publikum. „Der Rekord war schon eine zusätzliche Motivation. Aber es war anstrengend und verdammt schwer. Am Boden und auch an den Ringen lief es perfekt. Besser geht es nicht“, sagte Hambüchen. Unter seinen Erwartungen blieb der ehemalige Mehrkampf-Europameister nur am Pauschenpferd, nach einem Absteiger reichte es nur zum sechsten und letzten Finalplatz: „Ich musste alles riskieren, das ist nicht ganz aufgegangen.“

Doch während Hambüchen für die Welttitelkämpfe im Reich der Mitte eine feste Bank ist, präsentierte sich Marcel Nguyen wie schon seit Monaten als unsicherer Kantonist. Von seiner Form, die ihn vor zwei Jahren zu olympischem Silber im Mehrkampf trug, ist der Stuttgarter nach wie vor weit entfernt, nur an den Ringen und am Barren reichte es zu Rang eins. Mit einer strengen Ermahnung hatte Bundestrainer Andreas Hirsch den ehemaligen Barren-Europameister dazu animiert, sich wieder mehr dem Mehrkampf zu widmen. Doch nach Rang fünf in Stuttgart im Sechskampf schaltete der Chefcoach auf Milde um.

„Wir müssen Marcel anspornen, dass er alles, was er in sich trägt, für die WM rauslässt“, sagte Hirsch, der Mitte kommender Woche seinen Kader für Nanning nominiert. Der 26-Jährige signalisierte ein erstes Entgegenkommen und versprach, sich zukünftig mehr auf das Training und weniger auf die lukrativen PR-Touren nach Asien zu konzentrieren. Der Halb-Vietnamese Nguyen ist dort ein Teenie-Star.

Asiatische Wurzeln hat auch Kim Bui, aber die Stuttgarter Lokalmatadorin beeindruckte nicht nur durch ihren zweiten Mehrkampf-Titel nach fünfjähriger Wettkampfpause, sondern auch durch die Präsentation von neuen Übungsteilen – und das im reifen Turnerinnen-Alter von 25 Jahren.

„Kim hat das super gemacht. Sie setzt nicht nur auf Routine, sondern lernt immer noch dazu. Und das trotz ihres anstrengenden Studiums“, lobte Bundestrainerin Ulla Koch die neue Titelträgerin, die auch am Boden triumphierte.

Eine gute Leistung von Bui in China ist umso wichtiger, da sich die für die WM-Riege gesetzte Janine Berger schwer am linken Knie verletzt hat. Die 18 Jahre alte Olympia-Vierte aus Ulm knickte nach der Landung ihres zweiten Finalsprungs (Tsukahara mit Doppelschraube) um und wurde mit Verdacht auf Kreuzbandriss in ein Krankenhaus eingeliefert.

Einige Tage zuvor hatte sich bereits die Olympia-Sechste Elisabeth Seitz aus Mannheim wegen einer hartnäckigen Entzündung im Fuß für den WM-Trip abgemeldet. Verletzungsbedingt nicht zur Verfügung stehen auch die Kölnerin Pia Tolle (Sehnenanriss im Ellenbogen) sowie Nadine Jarosch aus Detmold (Kreuzbandriss).