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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Ponferrada, Spanien (SID) – Der deutsche Radsport hat wieder eine Zukunft. Die WM im September in Spanien war ein weiterer Beleg für den Aufwärtstrend, obwohl sich nicht alle Wünsche erfüllten.

Sieben Etappensiege bei der Tour de France, fünf Medaillen bei den Weltmeisterschaften und zahlreiche herausragende Ergebnisse: Der deutsche Radsport hat eines der besten Jahre überhaupt erlebt – und die Hauptdarsteller um Marcel Kittel, Tony Martin und John Degenkolb scheinen nun auch in der Wahrnehmung eine Veränderung herbeizuführen. „Wir sind auf dem besten Weg, den Radsport wieder populär zu machen – es ist schön, da mit dabei zu sein“, sagte Kittel.

Der Sprintstar aus Thüringen stand ganz besonders im Fokus. Erneut gewann er vier Tour-Etappen und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass die deutschen Fahrer in Frankreich so viele Tagessiege einfuhren wie nie zuvor. „Das war ein wirklich superschönes Jahr mit dem Rekord bei der Tour de France“, meinte Kittel.

Doch nicht nur beim wichtigsten Radrennen der Welt gab es große Erfolge, Kittel gewann auch zwei Teilstücke beim Giro d’Italia, Degenkolb vier Etappen bei der Vuelta. Insgesamt sorgten deutsche Fahrer für 14 Tagessiege bei den großen Landesrundfahrten.

Dazu kamen Degenkolbs starke Auftritte im Frühjahr und nicht zuletzt die überzeugenden Vorstellungen von Martin, der dicht vor dem Gesamtsieg bei der Tour de Suisse stand und nahezu alle Zeitfahren dominierte – nur das bei der WM nicht. Da erfüllten sich am letzten Septembersonntag ebenso wenig die Medaillenträume von Degenkolb – nach dessen überstandener Erkrankung war das aber kaum verwunderlich.

Vor allem diese drei Top-Fahrer geben in Deutschland die Richtung vor, und sie tun dies nicht nur sportlich, sondern genauso im Kampf um Vertrauen. Nach den dunklen Jahren der Jan-Ullrich-Ära und dem großen Imageschaden – der Radsport war im Prinzip so gut wie tot – bemühen sie sich beständig um eine neue Chance, unterschrieben eine Anti-Doping-Ehrenerklärung, zeigen sich offen im Umgang mit dem einstigen Tabuthema.

Trotz bleibender Skepsis hinterlassen die Bestrebungen inzwischen Wirkung – gerade eben mit dem Einstieg von Alpecin als erstem deutschen Radsport-Großsponsor seit vier Jahren. „Das ist ein geniales Zeichen, darauf können wir aufbauen“, sagte Tony Martin. „Es war unser Ziel, auch das Interesse von Sponsoren wieder zu wecken“, betonte auch Kittel im SID-Gespräch: „Es sind wichtige Schritte, die wir gerade gehen. Ich hoffe, dass das wieder etwas anderes auslöst.“

Der 26-Jährige bezieht sich auf die Überlegungen der ARD, zur Live-Übertragung der Tour de France zurückzukehren. Die Intendanten sind gerade dabei, die möglichen Bedingungen zu prüfen. Begründung ihrer grundsätzlichen Bereitschaft: Der Radsport hat seine Probleme nicht komplett überwunden, aber er geht sie an. „Ich glaube, dass der Radsport enorme Anstrengungen unternommen hat. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Dopingfälle mehr geben kann – dann wären wir ja naiv. Aber wir müssen auch aufpassen, dass wir keine Sportart an den Rand stellen“, sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky kürzlich im Deutschlandfunk.

Auch der Kölner Dopinganalytiker Hans Geyer attestierte große Fortschritte. „Der Radsport hat das beste Kontrollsystem weltweit, das hat Vorbildcharakter“, sagte der Wissenschaftler jüngst in einer ARD-Dokumentation. Ex-Profi Jörg Jaksche mahnte allerdings: „Wenn der Druck von außen weg ist, kommt der Radsport wieder auf die Pfade wie vor zehn bis 15 Jahren.“