arag sid

März 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Auch in tiefer Trauer um ihren Mentor brachte die Erinnerung an Gero Bisanz seine einstige Musterschülerin Tina Theune zum Lachen. „Auf einer Reise nach Russland Anfang der 90er Jahre lief er beim Training morgens im Handstand auf das Feld“, erinnert sich die 60-Jährige im Gespräch mit dem SID an jenen denkwürdigen Moment, der viel über das Wesen des Pioniers des deutschen Frauenfußballs sagt. Denn in der Nacht zuvor hatten der damalige Bundestrainer, Assistentin Theune & Co. kein Auge zugetan, weil sie in einem „unmöglichen Hotel“ untergebracht waren. Und Bisanz hatte sich von der schlaflosen Nacht am nächsten Tag nichts anmerken lassen wollen: „Er war immer der Fitteste von allen.“

Umso überraschender kam am 19. Oktober die Nachricht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), dass der 78-Jährige, der von der Geburtsstunde 1982 bis 1996 die deutsche Frauen-Auswahl trainiert hatte, am Vortag einem Herzinfarkt erlegen war. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach würdigte ihn in der Mitteilung als wunderbaren Menschen und absoluten Fachmann, „der sich bleibende Verdienste um den Fußball erworben hat“. Auch FIFA-Boss Joseph S. Blatter verneigte sich vor dem „Wegbereiter des deutschen Frauenfußballs“.

Bisanz, 1935 in Westpreußen geboren und seit Jahrzehnten im Rheinland heimisch, hatte sich in den letzten Jahren etwas rar gemacht, das große Tamtam war ohnehin nie seine Art. Dennoch galt er immer noch als aufmerksamer und kritischer Beobachter des Frauenfußballs, als Ratgeber für seine früheren Weggefährtinnen, die sein plötzlicher Tod nun erschütterte.

„Ich bin traurig und tief betroffen“, sagte Bundestrainerin Silvia Neid, langjährige Spielführerin unter Bisanz: „Er war ein unglaublich einfühlsamer Mensch, der immer die richtige Ansprache gefunden hat. Ich habe ihm persönlich viel zu verdanken.“ Theune, erste Nachfolgerin von Bisanz, sagte dem SID: „Er hat meinen Lebensweg sehr stark beeinflusst, er war mein Mentor.“

Der Boom um die deutschen Fußballerinnen nach der Jahrtausendwende – da sind sich Neid, Niersbach und Theune einig – gründet zum großen Teil auf der Pionierarbeit Bisanz‘, unter dessen Ägide am 10. November 1982 in Koblenz gegen die Schweiz (5:1) das erste Länderspiel des DFB-Teams ausgetragen wurde.

„Ohne sein Engagement, seine Fachkompetenz und Leidenschaft würde der Frauenfußball heute nicht diesen Stellenwert und die Strukturen haben“, sagte Neid. Theune fügte hinzu: „Er hat vorausgedacht, Prozesse angeschoben, von denen der Frauenfußball noch heute profitiert.“

In der Tat sah es Bisanz, einst selbst ein passabler Kicker im Dress des 1. FC Köln und bei Viktoria Köln, als vornehmliche Aufgabe an, dem noch in der Siebzigern belächelten, mitunter gar verpönten Frauenfußball solide Grundfesten zu verschaffen. Nicht nur für die DFB-Auswahl, sondern generell durch verbesserte Ausbildung und Strukturen, die die Vorbereitung einer Frauen-Bundesliga ermöglichten.

Dem Durchbruch mit dem ersten EM-Sieg 1989 im ausverkauften Stadion in Osnabrück folgten die ersten TV-Übertragungen von Frauen-Länderspielen im deutschen Fernsehen, dann der zweite EM-Titel 1991, die WM-Teilnahme 1991 mit Platz vier in China.

Vier Jahre später das WM-Finale in Stockholm, ein erneuter EM-Titel 1995 und Platz drei bei Olympia 1996 in Atlanta. Bisanz blickte zu seinem 75. Geburtstag voller Stolz zurück: „Mein Auftrag war es, den Frauenfußball mit einem Nationalteam international zu etablieren. Die Saat ist aufgegangen.“

Bisanz erwarb seine eigenen fachlichen Grundlagen durch akribische Arbeit. Nach dem Diplomsportstudium in Köln war Bisanz zunächst im Schuldienst tätig, bevor er ab 1970 an der Kölner Sporthochschule dozierte. Von 1980 an leitete Bisanz die DFB-Trainerausbildung in der Nachfolge von Hennes Weisweiler, war 1981 zudem B-Nationaltrainer und ab 1982 Chefcoach und Mitbegründer der Frauen-Auswahl. Nach seinem Rücktritt 1996 arbeitete Bisanz bis zu seiner Pensionierung als DFB-Chefausbilder.

Gut zwei Wochen vor seinem 79. Geburtstag starb Gero Bisanz – von seinem sportlichen Erbe wird der deutsche Frauenfußball aber noch auf Jahrzehnte profitieren.