arag sid

September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Fast noch mehr als Angie Kerber oder Andrea Petkovic ist Bundestrainerin Barbara Rittner das Gesicht des deutschen Damentennis. Die 41-Jährige will ihre bisher zehn erfolgreichen Amtsjahre am 8./9. November in Prag mit dem Gewinn des Fed Cups krönen.

Sofi schläft. Leise schnarchend liegt sie auf dem Stuhl neben ihrem Frauchen, das liebevoll den Kopf der kleinen Jack-Russell-Hündin tätschelt. „Sofi ist meine Gefühlsberaterin“, sagt Barbara Rittner: „Sie muss mindestens 25 Jahre alt werden.“ Zurzeit ist der braun-weiß gescheckte Vierbeiner, als Welpe vor etwas mehr als 13 Jahren ein Geschenk der großen Martina Navratilova, Rittners einziger Wegbegleiter – sehr zu deren Leidwesen. „Dieses Gefühl, alleine durchs Leben zu gehen, mag ich eigentlich überhaupt nicht“, sagte die Bundestrainerin der deutschen Tennisdamen im Gespräch mit dem SID.

Barbara Rittner ist in ihrer Funktion als Bundestrainerin die Frau hinter den Erfolgen des deutschen Damentennis. Mit Geduld, Beharrlichkeit, Fingerspitzengefühl, einem untrüglichen Blick für Talente und einem schier unerschöpflichen Fachwissen, hat sie ihr Fed-Cup-Team ins Finale geführt, in dem es am 8. und 9. November in Prag gegen Gastgeber Tschechien geht. Sollte Deutschland in Prag gewinnen und damit zum dritten Mal nach 1987 und 1992 den Fed Cup holen (Rittner: „Die Chancen sehe ich bei 20:80“), wäre Rittners Mission, das deutsche Damentennis wieder in der Weltspitze zu etablieren, eigentlich beendet.

Das sieht sie selbst allerdings ganz anders. „Diese Mission ist ja eigentlich nie erledigt“, sagt die frühere Nummer 24 der Welt: „Man kann sich danach ja beispielsweise das Ziel setzen, den Fed Cup im nächsten Jahr wieder zu gewinnen. Beendet ist es dann, wenn ich sage, ‚jetzt reicht’s, ich will was anderes machen’…“ Was das sein könnte, weiß sie im Moment noch nicht so recht, schließlich spielt Tennis seit 25 Jahren die Hauptrolle in ihrem Leben: „Ich weiß, dass ich Tiere über alles liebe, dass ich nie ohne Hund sein möchte. Aber ansonsten kann ich gar nicht sagen, was noch für mich interessant wäre.“

Der Tenniszirkus gebe ihr bei allem Stress eine „gewisse Form von Halt und Sicherheit, weil ich in dieser Branche ganz genau weiß, was ich kann, weil ich dort Selbstvertrauen habe, weil mir wenige was vormachen können“. Dennoch kann sich Barbara Rittner, die als Jugendliche eigentlich Elektrotechnik studieren wollte, durchaus vorstellen, „mal ‚was ganz anderes zu machen in einem Bereich, in dem ich nicht so fest im Sattel sitze, in dem ich nicht so genau weiß, was geht, und in den ich mich ganz neu reinarbeiten müsste. Aber der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen.“

Erstmal geht es nach Prag, und dort sieht Barbara Rittner ihr Team mit Angie Kerber, Sofia-Siegerin Andrea Petkovic („Momentan für mich die Nummer eins und zwei“), Sabine Lisicki, Julia Görges und Ersatzspielerin Anna-Lena Grönefeld zwar als Außenseiter, „ich weiß aber auch, dass wir immer gefährlich sind“. Vieles wird auf die Stimmung im Team ankommen, darauf, wie schnell die doch sehr gegensätzlichen Typen zu einer Einheit zusammenfinden. „Es ist eine echte Gratwanderung für mich und das gesamte Betreuerteam, die Aufmerksamkeit genau so zu verteilen, wie es nötig ist“, sagt Rittner.

Sie verlässt sich dabei am liebsten – wie immer in der Vergangenheit – auf ihr Bauchgefühl und holt sich außerdem auch gerne mal Rat von prominenter Stelle. „Gerade bei Steffi Graf und Michael Stich ist es sehr interessant, wie nüchtern und sachlich speziell diese beiden die ganze Sache betrachten“, sagt Rittner: „Das holt mich oft zurück aus diesem hochsensiblen Wirrwarr, in dem auch ich selbst mich manchmal befinde.“ Dass Steffi Graf, die alle Spielerinnen persönlich kennt, nach Prag kommt, hält Rittner für „nicht ausgeschlossen, aber eigentlich doch eher unwahrscheinlich“. Dafür wird Sofi mit absoluter Sicherheit dabei sein.