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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Hamburg (SID) Der ohnehin gebeutelte deutsche Schwimmsport verlor völlig überraschend einen seiner größten Hoffnungsträger. Kurzbahn-Weltrekordler Markus Deibler erklärte keine zwei Wochen nach seinem WM-Triumph von Doha mit nur 24 Jahren am 16. Dezember seinen sofortigen Rücktritt – dem Deutschen Schwimmverband (DSV) bricht damit ein fest eingeplanter Leistungsträger für Olympia 2016 weg.

„Ich habe mich nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, meine Karriere im Leistungssport zu beenden“, teilte der Olympia-Achte in einer bei Facebook veröffentlichten Erklärung mit: „Es war eine super Zeit, ich durfte schöne Erfahrungen machen und blicke auf eine erfolgreiche Karriere zurück.“

Bundestrainer Henning Lambertz verriet, Deibler habe sich seit der Heim-EM auf der Langbahn im Sommer in Berlin mit Motivationsproblemen geplagt. „Er war innerlich hin- und hergerissen, hat nicht mehr voll trainiert“, sagte Lambertz dem SID: „Die Kurzbahn-WM wollte er nutzen, um zu schauen, ob die Lust wiederkommt. Aber nicht einmal Gold und Weltrekord konnten die Lust zurückbringen.“ Die oberste Führungsebene im Verband wurde dagegen überrascht. „Das ist sehr bedauerlich“, sagte DSV-Präsidentin Christa Thiel dem SID: „Aber man kann keinen an den Haaren ziehen und zum Bleiben zwingen. Wir müssen seine Entscheidung respektieren.“

Deiblers Schritt kam nur neun Tage nach dem größten Erfolg seiner Karriere. Am 7. Dezember hatte der gebürtige Biberacher, der für den Hamburger Sport-Club startete, bei den Kurzbahn-Weltmeisterschaften in Doha/Katar den Titel über die – nicht-olympischen – 100 m Lagen geholt, den Weltrekord dabei auf 50,66 Sekunden gedrückt und danach noch völlig euphorisch in die Zukunft geblickt.

Bundestrainer Lambertz aber hatte Deibler in einem Vieraugengespräch erklärt, dass er auf der Langbahn bei der WM 2015 im russischen Kasan und bei Olympia in Rio sehr wahrscheinlich keine Chance auf Edelmetall haben werde: „So ehrlich muss man zueinander sein. Dafür hätte er auf 200 m drei Sekunden aufholen müssen. Wo sollen die herkommen?“ Als Staffelschwimmer fehle Markus Deibler dem Team aber sehr.

Nach kurzem Durchatmen warf Deibler aber nun all seine Pläne über den Haufen. Sein Rücktritt, das ließ er durchblicken, hat weniger sportliche Gründe. „Es ist für mich an der Zeit, neue Projekte anzugehen“, schrieb er: „Ich will meine Fähigkeiten dazu nutzen, unternehmerisch tätig und mit Luicella’s erfolgreich zu sein.“ Luicella’s, das ist die Eisdiele, die Deibler mit einer Freundin seines älteren Bruders Steffen, dem noch aktiven Kurzbahn-Weltrekordler über 50 m Schmetterling, im Hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli betreibt. „Steffens Freundin kam mit der Idee von ihrem Auslandssemester, dann haben wir einen Businessplan entworfen. Das hat sich alles so gut angehört, dass ich gesagt habe: Komm, das ziehen wir jetzt durch“, hatte der Jungunternehmer nach der Eröffnung gesagt.

Das Projekt sollte helfen, das finanziell aufwändige Sportlerleben zu stemmen – die Brüder hatten oftmals fehlende Unterstützung beklagt. „Wenn wir keine Sponsoren finden, dann ist Rio gestrichen“, hatte der Olympia-Vierte Steffen Deibler im Vorjahr gesagt: Wir finanzieren uns gerade von unseren Rücklagen.

Die Nationalmannschafts-Kollegen reagierten teilweise schockiert auf Deiblers Rücktritt. „Mein erster Gedanke war, der Account würde gehackt. Du wirst fehlen, alles Gute!“, schrieb Staffel-Europameister Yannick Lebherz bei Facebook. Franziska Hentke postete: „Puh, das ist sehr überraschend!“

Ein Rücktritt in Deiblers Alter ist indes nicht ungewöhnlich im Schwimmsport: Der große Mark Spitz trat mit 22 Jahren ab, Ian Thorpe war wie Deibler 24, Michael Phelps 27. Alle kehrten danach aber – mehr oder weniger erfolgreich – noch einmal ins Becken zurück.

Immerhin wurde der 24-Jährige von den Sporthilfe-Athleten mit 53,5 Prozent der Stimmen noch einmal zum Sportler des Monats Dezember gewählt – noch vor Slalom-Ass Felix Neureuther (34,4 Prozent) und den deutschen Hockey-Herren (12,1 Prozent).