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Oktober 2020

Landessportbünde

Die Anforderungen an Sporträume haben sich geändert. Die klassische Dreifachsporthalle behält zwar ihre Berechtigung, aufgrund des demographischen Wandels, veränderter Sportgewohnheiten und Ansprüche sind aber neue Lösungen gefragt – gerade auch außerhalb der DIN-Norm. Beispiele aus Essen zeigen, wie es funktionieren kann.

Wer die Trainingshalle des EHC Rockets Essen (www.shc-essen.de) besucht, der erinnert sich vielleicht an die legendäre Radioreportage des Fußball-Endspiels von 1954: „Rahn müsste schießen“, „Rahn schießt“, „Tor, Toor, Tooor, Deutschland ist Weltmeister.“

Denn die Halle steht auf einem ehemaligen Teil der Helmut Rahn Sportanlage, in der Heimatstadt des berühmten Torschützen. Auch heute werden hier Tore geschossen – und Meister gemacht. Wie im Jahr 2011, als die Rockets in ihrer Arena den Europacup holten und endgültig zu einem der besten Vereine ihrer Sportart wurden: dem Inline-Skaterhockey.

Skaterhockey in einer modernen Industriehalle

Dabei standen die Rockets vor rund zehn Jahren fast vor dem Aus. „Bevor wir die Rollsport-Arena hatten, trainierten wir in verschiedenen Sporthallen im Stadtgebiet“, erklärt Thomas Böttcher, erster Vorsitzender des EHC. „Die Böden dieser Sporthallen hielten jedoch den Belastungen unserer Sportart nicht stand.“

Heute ist das Problem gelöst. Die Stadt investierte vor rund zehn Jahren rund 450.000 Euro in eine neue Sportstätte, eine sogenannte „Kalthalle“, da sie für den ehemaligen Trendsport eine langfristige Perspektive sah.

Kalthalle mit geringen Unterhaltskosten

Diese Kalthalle ist eigentlich eine „handelsübliche“ Industriehalle ohne Isolierung und Heizung. Der Vorteil: Sie erfüllt den Zweck, hat aber nur geringe Folgekosten für Unterhalt und Energie. Diese machen schließlich rund 80 Prozent der Betriebskosten einer Halle aus. Aber für bewegungsintensive Sportarten – wie zum Beispiel Inline-Skating – braucht es keine Heizung, auch nicht im Winter.

Starre Bauweisen haben ausgedient

Kalthallen haben Zukunftspotenzial. So wie andere Varianten zwischen „Sportplatz und Sporthalle“, wie Peter Ott vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (www.bisp.de) formuliert. Ott prognostiziert das Ende starrer Bauweisen zugunsten vielfältiger und variabler Formen, die entsprechend der jeweiligen Sportentwicklung veränderbar sind.

Doch ganz gleich wie eine Sportstätte im Einzelnen gestaltet sein wird, noch entscheidender wird, sie bedarfsgerecht zu bauen – am besten eingebettet in eine Sport(stätten)entwicklungsplanung. Welche Konsequenzen eine Bedarfsanalyse haben kann, zeigt ein Beispiel aus dem Essener Norden: die Gymnastikhalle an der Lohwiese.

Der Bedarf bestimmt das Anlagenkonzept

Die 400 Quadratmeter große Halle entstand als Ersatz für eine marode Turnhalle, die einer Ortskernaufwertung im Wege stand. In Gesprächen mit den anliegenden Sportvereinen ermittelten der Essener Sportbund (ESPO) und die Stadt, welchem künftigen Bedarf die Halle überhaupt gerecht werden muss. Ergebnis: Im Rahmen einer Private-Public-Partnerschaft wurde 700 Meter entfernt die bedarfsgerechte und „unnormierte“ Gymnastikhalle errichtet, die gemeinsam von den Vereinen genutzt wird. „Eine gesamtstädtische Lösung“, kommentiert Michael Kurtz, Leiter der Sport- und Bäderbetriebe der Stadt.

Wohnungsnahe, kleinere Räume für Fitness, Gesundheit und Ältere sind gefragt

Bedarfsgerecht agiert auch die Tvg. Holsterhausen (www.tvg-holsterhausen.de) und war damit ihrer Zeit voraus. Getreu dem Leitbild „lebensbegleitendes Sporttreiben für viele Bürgerinnen und Bürger in Holsterhausen zu ermöglichen“, entspricht der Verein exakt einem weiteren Zukunftstrend: dem Bedarf nach wohnungsnahen, kleineren Räumen für den Bereich Fitness, Gesundheit und Ältere.

Metzgerei zum Gesundheitszentrum umgebaut

„Ende der 80er Jahre haben wir die Räumlichkeiten einer Metzgerei mitten im Stadtteil Holsterhausen übernommen“, erzählt Vereinsvorsitzender Peter Wehr, „und die vorhandenen Räume für unsere Zwecke genutzt.“ Mit Erfolg. Heute verfügt der Verein über ein schickes Gesundheitszentrum mit Gymnastik-, Fitness- und Mehrzweckräumen mitten im Quartier.

Ähnlich wie die Tvg. nutzen viele andere Vereine und Bünde in NRW bereits die Chance, vorhandene Räumlichkeiten zu übernehmen und umzugestalten, wie z.B. die Lenneper Turngemeinde 1860 in Remscheid mit der Moll’schen Fabrik oder das Schneckenhaus der  Turbo-Schnecken Lüdenscheid.

Die künftige Entwicklung von Sporträumen – eine Übersicht

  • Das Spektrum an Sportanlagen wird sich – bei insgesamt gleich bleibender Anzahl – verändern und  weiter differenzieren.
  • Zu erwarten sind eine größere Typenvielfalt, mehr individuelle Gestaltungsformen und wandelbare Anlagen (Variabilität).
  • Regelkonforme Anlagen (z.B. Dreifachsporthalle) bleiben bedeutsam, werden jedoch durch mehr regeloffene Anlagen ergänzt.
  • Der Bedarf an kleinen, wohnungsnahen Bewegungsräumen steigt.
  • Das Ambiente von Sporträumen wird anspruchsvoller.
  • Die Bündelung von Einzelbedüfnissen bestimmt die Anlagenkonzepte. Ihre Multifunktionalität steigert Effizienz.
  • Ökologische Aspekte zur Schonung von Ressourcen und Betriebskosten werden noch wichtiger.
  • Der Zugang zu Sportanlagen wird offener für den informellen Sport.

Quelle: www.lsb-nrw.de