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Dezember 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Tiflis (SID) Nach dem souveränen Pflichtsieg in Georgien sind die Weltmeister in der EM-Qualifikation wieder in der Spur. Doch im „heißen Herbst“ muss manches besser werden.

Die müden Weltmeister waren nach ihrem souveränen Pflichtsieg am Schwarzen Meer bereits auf dem Weg ins Bett, als sie im Hotel eine weitere gute Nachricht erreichte. Der Ire Shane Long hatte Polen mit seinem Last-Minute-Tor in Dublin zwei wichtige Punkte geklaut – und sorgte dafür, dass die deutschen Fußballer kurz nach halb ein Uhr nachts noch etwas ruhiger einschliefen.

Joachim Löw blickte denn auch voller Optimismus auf den von ihm selbst ausgerufenen „heißen Herbst“ in der EM-Qualifikation. „Die Erfahrung zeigt, dass wir dann besser sind, weil wir mehr Möglichkeiten haben zu trainieren und zusammen zu sein“, sagte er nach dem souveränen 2:0 gegen Georgien. Weil die Polen patzten, hat die DFB-Elf nur noch einen Punkt Rückstand auf den Spitzenreiter der Gruppe D.

Nach dem eingeplanten Dreier gegen Fußball-„Winzling“ Gibraltar und Polens wahrscheinlichem Sieg gegen Georgien jeweils am 13. Juni kann Deutschland im direkten Duell gegen den Nachbarn am 4. September in Frankfurt/Main endlich Rang eins übernehmen. „Das ist unser Ziel – und unser Anspruch“, sagte Löw.

Georgien soll das Startsignal gewesen sein auf dem Weg zum angepeilten EM-Coup – wie auf den Tag genau vor 20 Jahren. Am 29. März 1995 setzte sich Deutschland dank zweier Treffer von Jürgen Klinsmann vor der Pause ebenfalls mit 2:0 in Tiflis durch – und triumphierte 15 Monate später bei der EURO. Diesmal trafen der starke Rückkehrer Marco Reus und Thomas Müller. „Das war ein guter Schritt, aber erst der Anfang“, sagte Verteidiger Jerôme Boateng – wohl wissend, wohin es gehen soll.

Doch der Weg nach Frankreich ist noch weit, nach dem Duell mit Polen stehen schwere Auswärtsspiele in Schottland und Irland an. Bis dahin, betonte der erstmals seit dem WM-Triumph eingesetzte Kapitän Bastian Schweinsteiger, „müssen wir uns aber weiter verbessern“. Georgien, fand der weitgehend beschäftigungslose Torhüter Manuel Neuer, sei dabei „nicht der Maßstab“. Der Vize-Kapitän fand es daher „ärgerlich, dass wir so viele klare Chancen vergeben haben“. Wieder einmal.

Neun Tore nach fünf Spielen gegen mitunter schwache Gegner sind eines Weltmeisters nicht würdig. Für Löw war es deshalb beruhigend zu sehen, dass Reus nach seinem unglücklichen WM-Aus wieder zu alter Form zurückfindet. Mit dem Dortmunder, der neben seinem Tor mit zwei Lattenschüssen auffiel, sei seine Elf „gefährlicher, schwerer auszurechnen und variabler“, äußerte Löw zufrieden.

Reus dürfte – vorbehaltlich einer neuerlichen Blessur – gesetzt sein. Genau wie die acht „Helden von Rio“, die Löw mit Schweinsteiger in die Startelf berief. Besonders der neue Spielführer werde in der heißen Quali-Phase als Anführer gefragt sein, meinte Löw. „Bastian kann der Mannschaft mit seinem Rhythmus und seiner Erfahrung entscheidend helfen“, sagte er. Neuer betonte, Schweinsteiger könne „das Tempo verschärfen und auch mal rausnehmen. Er wird deshalb gegen die schwierigen Gegner sehr wichtig.“

Das trifft aber wohl auch auf Neuers unmittelbare Vorderleute in der Abwehrreihe zu. Löw ließ keinen Zweifel daran, dass diese in Pflichtspielen fürs erste aus vier Verteidigern bestehen wird. Nach dem gescheiterten Experiment mit der Dreierkette gegen Australien hatte er die Uhren bereits in Tiflis zurückgestellt. Offen ist im Viererriegel nur die Besetzung der Außen – Hoffenheims Sebastian Rudy rechts und der Kölner Jonas Hector links überzeugten in Georgien nur bedingt.

Löw: „Gegen die USA wieder etwas probieren“

Löw kündigte an, im nächsten Länderspiel am 10. Juni in Köln gegen Klinsmanns USA „wieder etwas auszuprobieren“. Auf neues Personal wird er dann aber noch weitgehend verzichten (müssen), weil der Nachwuchs ab 17. Juni bei der U21-EM gefragt ist. Seinen „Masterplan“, als dessen Kern sich eine größere Flexibilität für die großen Turnierspiele herauskristallisiert, will Löw deshalb nicht gleich aufgeben. „Wir müssen uns in den nächsten zwei, drei Jahren weiterentwickeln“, betonte Löw in der Nacht von Tiflis zum wiederholten Mal.

Dass darunter die Quali leiden könnte, glaubt beim DFB gleichwohl niemand. Teammanager Oliver Bierhoff steht in der Quartierfrage für Frankreich vor einem Abschluss. Und für die Zeit der Play-offs, in die Mitte November die Gruppendritten müssen, hat der Verband bereits weitere Tests in Frankreich und gegen die Niederlande vereinbart.