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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Sanremo (SID) John Degenkolbs Triumph bei Mailand-Sanremo war keine Überraschung. Vom 26-Jährigen sind in Zukunft noch einige weitere Großtaten zu erwarten, Degenkolbs Hunger auf weitere Erfolge ist unvermindert groß. „Ich bin noch lange nicht satt. Der Druck ist jetzt weg, aber meine Mentalität ist nicht so, dass ich mich jetzt zufrieden gebe“, sagte der vierte deutsche Mailand-Sanremo-Triumphator dem SID kurz vor seinem Rückflug in die Wahlheimat Frankfurt.

Am Abend zuvor hatte der 26-Jährige seinen Coup gut 50 Kilometer von Sanremo entfernt im Hard-Rock-Café von Nizza ausgiebig begossen. Es war deutlich nach Mitternacht, als Degenkolb an der Côte d’Azur erschöpft, aber überglücklich ins Bett fiel. Tags darauf sehnte er sich erst mal nach ein bisschen Ruhe. „Ich freue mich jetzt so darauf, nach Hause zu kommen. Es wird eine stressige Woche mit vielen Presseterminen, aber ich hoffe, dass ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie verbringen kann“, sagte Degenkolb.

Viele hatten Degenkolb einen baldigen Triumph bei einem der fünf Radsport-Monumente zugetraut, denn der Wahl-Frankfurter gilt spätestens seit dem zweiten Platz bei Paris-Roubaix im Vorjahr als der aufstrebende Klassikerspezialist. Doch was er am Sonntag auf der legendären Via Roma angerichtet hatte, fand er noch immer etwas unwirklich. „Es ist unmöglich zu beschreiben, wie sich das gerade anfühlt“, sagte Degenkolb: „Ich bin Sieger von Mailand-Sanremo, das hört sich immer noch wahnsinnig krass an.“

Der ersehnte Etappensieg bei der Tour de France und das Regenbogentrikot für den Weltmeister scheinen jetzt nur eine Frage der Zeit. Davon ist auch sein Manager Jörg Werner überzeugt, der seinen Schützling sogar auf eher untypischem Terrain vorne sieht. „John wird immer noch zu sehr auf einen Sprinter reduziert. Dabei ist er ein Alleskönner, der auch das Amstel Gold Race oder Lüttich-Bastogne-Lüttich gewinnen kann“, sagte Werner dem SID.

Überaus beeindruckend war, mit welcher Abgeklärtheit der Kapitän des deutschen Giant-Alpecin-Rennstalls die Klippen Cipressa und Poggio bewältigte, sich von den Attacken der Konkurrenz nicht aus der Reserve locken ließ. „Man hat halt nur eine limitierte Anzahl an Patronen, und wenn die auf der Via Roma aufgebraucht sind, dann ist halt nichts mehr drin“, sagte Degenkolb lapidar. Doch diese Coolness ist eine neue Qualität, denn Degenkolb gilt manchmal doch als recht aufbrausender Charakter.

Nicht zuletzt die Geburt seines Sohnes im Januar hat aber offenbar so einiges relativiert, ein Stück Verbissenheit scheint gewichen. Auch bei der Classicissima war das ein Teil seines Erfolgsrezeptes: „Ich habe einfach die letzten drei Kilometer gar nicht daran gedacht, dass es Sanremo ist, habe es als Spaß, als Spiel angesehen.“

Und spielerisch soll es für Degenkolb jetzt weitergehen, schließlich stehen bis Mitte April noch einige Highlights und eben Degenkolbs Lieblingsrennen Paris-Roubaix (12. April) bevor.

Seinen Titel bei Gent-Wevelgem Ende März konnte Degenkolb zwar nicht verteidigen, aber „es geht Schlag auf Schlag weiter“, sagt Degenkolb, der seinen Erfolg auch als Zeichen der Veränderungen im Radsport wertet. Er finde es umso schöner, führte er aus, „dass sich die ehrliche Arbeit einfach auszahlt. Wir stehen nicht mehr unter Zugzwang, uns irgendwelche leistungssteigernde Mittel reinzuhauen. Das ist eigentlich wieder mal die schönste Erkenntnis.“