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September 2020

Landessportbünde

Immer längere Unterrichtszeiten und eine zunehmende Umstellung auf Ganztagsschulen: Hessens Bildungslandschaft verändert sich – und damit auch die Anforderungen an die Sportvereine. „Wir haben viele wichtige Themen. Aber die Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein sticht besonders hervor, denn sie entscheidet über die Zukunft des organisierten Sports“, machte Dr. Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes Hessen e.V. (lsb h) Mitte April im Sportzentrum der SG Arheilgen deutlich. Dorthin hatten der lsb h und das Darmstädter Echo zur dritten Auflage des Sportdialogs „Volltreffer“ geladen. Der stand unter dem Titel „Schule und Sportverein – Partner oder Konkurrenten?“ Prominentester Podiumsgast war Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz.

Dass es tatsächlich Grund zur Diskussion, zum Austausch und zur Beantwortung offener Fragen gibt, zeigte sich im Verlauf der rund zweistündigen Veranstaltung: Nach der Podiumsdiskussion nutzten zahlreiche der knapp 100 Gäste die Gelegenheit, von ihren Erfahrungen und Sorgen zu berichten.

Den Grundtenor des Abends brachte Prof. Dr. Heinz Zielinski, lsb h-Vizepräsident Schule, Bildung und Personalentwicklung, auf den Punkt: „Es gibt keine Alternative zur Kooperation zwischen Schule und Verein“, sagte er. Gleichwohl gebe es in der Ausgestaltung dieser Partnerschaft noch viele offene Fragen.

Angesprochen wurde zum Beispiel das Landesprogramm „Schule und Verein“. Nicht nur der lsb h in Person von Dr. Zielinski vertrat die Ansicht, es müsse verlängert und mit mehr Mitteln – wie es bis vor drei Jahren der Fall war – ausgestattet werden. „Die Anschubfinanzierung dieses Programms ist nicht rosig. Für die Übungsleiter sind 6,50 Euro pro Stunde vorgesehen. Da legen wir als Verein noch mal den gleichen Betrag obendrauf“, berichtete auch Thomas Arnold-Münzberg, Präsident der SG Arheilgen, aus der Praxis. Das könne sich nur ein finanziell gut aufgestellter Verein leisten.

Kultusminister Dr. Lorz gab zu bedenken, dass es sich bei diesem Programm nur um „ein kleines Steinchen im Mosaik der Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein“ handele. „Und das müssen wir mit den Mitteln stemmen, die zur Verfügung stehen.“ Laut Lorz entscheiden vor allem die Strukturen vor Ort – eine aktive Schulleitung samt Kollegium sowie gut aufgestellte Vereine – über den Erfolg der Zusammenarbeit.

Ob es große Unterschiede zwischen Schul- und Vereinssport gebe, wollte Moderator Andreas Richter von Max Schwerber wissen. „Im Unterricht machen wir ganz andere Sachen“, berichtete der Neuntklässler der Georg-Büchner-Schule Darmstadt. Einige Sportarten würden dort nur wenig vorkommen. Als Partnerschule des Leistungssports werde aber auf die Bedürfnisse der sportbegeisterten Schüler eingegangen. Trotzdem: „Manchmal ist es schon stressig. Nach Schule und Sport bleibt oft nur noch Zeit zum Essen und Schlafen“, erzählte Max Schwerber.

Ein Mangel an Zeit, das zeigte sich im Verlauf des Sportdialogs, stellt die zentrale Herausforderung der zunehmenden Ganztagsbetreuung dar. Helmut Heisen vom Sportkreis Rheingau-Taunus brachte es auf den Punkt: „Die Vereine haben zwei Probleme: Erstens stehen die Schüler nachmittags nicht mehr fürs Training zur Verfügung und zweitens sind die Sporthallen immer länger durch Schulen belegt.“ Einmütiges Nicken im Publikum, das hauptsächlich aus Sportkreis- und Sportverbandsverantwortlichen bestand, bestätigte diese Sichtweise. Richtig dramatisch sehe es zum Beispiel in Griesheim aus: „Die Drei-Felder-Halle ist mittlerweile jeden Tag bis 18.30 Uhr durch die Schule belegt“, berichtete Marlis Becker von der TuS Griesheim. Das führe dazu, dass durch Kooperationen gewonnene Kinder nicht zusätzlich im Verein trainiert werden können.

Einst, gab Horst Knoop vom Sportkreis Bergstraße zu bedenken, seien Kooperationen ins Leben gerufen worden, um Vereine in der Schule zu platzieren. „Mittlerweile scheinen sie eher Defizite in der Betreuung decken zu sollen.“

Dass es durchaus auch positive Erfahrungen gibt, machte Podiumsgast Uwe Tölle deutlich. Der Schulleiter der Elly-Heuss-Schule Wiesbaden berichtete von einer guten Zusammenarbeit mit den Vereinen: „Wir haben einige hauptamtliche Vereinstrainer in den Unterricht eingebunden“, erzählt er. So sei eine gezielte Leistungssportförderung möglich. Etwas pessimistischer gab sich der Oberstudiendirektor nur in Hinblick auf den gerade laufenden Bildungsgipfel. „Ich habe die Befürchtung, dass dort der Finanzminister regiert“, sagte er.

Das sei jedoch laut Kultusminister Prof. Dr. Lorz nicht zu befürchten: „Wir wollen im Bildungs- und Sportbereich nicht kürzen.“ Seine nächste Aussage sorgte dann aber für Überraschung: „So wie sich die Arbeitsgruppen entwickeln, spielt Sport bei dem Bildungsgipfel eigentlich keine Rolle.“ Man konzentriere sich auf „fundamentale Themen“ wie Inklusion oder Lehrerbildung.

Nicht wenige der Teilnehmer waren der Meinung, dass Sport sehr wohl ein „fundamentales Thema“ sei. Etwa gelte es sicherzustellen, dass die drei Sportstunden pro Schulwoche auch tatsächlich stattfinden, betonte Dr. Zielinski: „Bewegung ist immerhin die Grundlage für kognitives Lernen.“

Dr. Rolf Müller gab zu bedenken, dass Hessen „kein einheitliches Gebilde“ sei: So seien etwa die guten Strukturen, wie sie zum Beispiel an der Elly-Heuss-Schule in Wiesbaden oder in der SG Arheilgen zu finden seien, nicht mit den Voraussetzungen in ländlichen Bereichen vergleichbar. „Unsere Schüler brauchen zum Teil 45 Minuten, bis sie in der Schule sind“, erklärte zum Beispiel Gunter Eckart vom Hessischen Handballverband, Lehrer und stellvertretender Schulleiter im Odenwald. „Da rentiert sich die Kooperation für viele Vereine einfach nicht“, machte er deutlich.

Das ist auch Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz bewusst. „Es gibt Gegenden, da gilt es primär, Schulschließungen zu vermeiden“, sagte er. Deshalb gelte es, flexible Lösungen für die verschiedenen Anforderungen zu finden. Wie genau diese aussehen könnten, darüber diskutierten die Teilnehmer des dritten Sportdialogs noch in lockerer Runde bis spät in den Abend. Einig waren sich alle mit lsb h-Vizepräsidentin Susanne Lapp, die von einem gelungenen Abend sprach, der „gezeigt hat, dass es nur zusammen geht“.

Quelle: www.landessportbund-hessen.de