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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

München (SID) Es läuft auch in diesen Tagen nicht gut für Tommy Haas. Seine Teilnahme am ATP-Turnier in München hatte er wenige Tage vor Turnierbeginn absagen müssen: die Schulter, was sonst. Und am „Tommy Haas Day“, den sie ihm zu Ehren am 28. April auf der Anlage des MTTC Iphitos nahe des Englischen Gartens veranstalteten, regnete es – zum Teil wie aus Kübeln.

Haas ist 37 Jahre alt, aber er will nicht aufgeben. Er plant einen Start in Stuttgart, dann bei den Gerry Weber Open in Halle – also überall dort, wo sie ihm eine Wildcard in Aussicht stellen. Haas hat auch gesagt, dass die Tür „halb offen“ dafür sei, dass er im September in der Davis-Cup-Relegation spielt. Es darf bezweifelt werden, ob es so weit kommt. Das Alter, die Schulter, was sonst.

Haas ist ein Mann aus der Vergangenheit – und derzeit nicht einmal ein Mann für die Gegenwart. In München spielte am ersten Turniertag dafür der Mann der Zukunft – und überzeugte. Alexander Zverev aus Hamburg, seit dem 20. April 18 Jahre alt, besiegte Davis-Cup-Spieler Benjamin Becker, immerhin die Nummer 43 der Weltrangliste, in drei Sätzen und scheiterte erst am späteren Finalisten Philipp Kohlschreiber.

„Eine sehr starke Leistung“ sei das gewesen, lobte noch am Tag danach Michael Kohlmann, der Davis-Cup-Teamchef. Es ist erst das zweite Mal, dass Alexander Zverev, genannt „Sascha“, sein erstes Match bei einem deutschen Turnier gewann. Genau genommen siegte er beim ersten Mal, im vergangenen Jahr in Hamburg, gleich noch ein paar Mal mehr – erst im Halbfinale war damals Schluss.

Sascha Zverev, jüngerer Bruder von ATP-Profi Mischa Zverev (27), ist von Michael Stich, Wimbledonsieger 1991, schon mal als ein kommender Wimbledonsieger geadelt worden. Kohlmann runzelt bei derartigen Aussagen ein wenig die Stirn: Zverev bekomme nicht zuletzt deshalb „ziemlich viel Druck“, sagt er, bescheinigt dem Teenager freilich: „Er ist auf einem guten Weg.“

Guter Weg heißt: Sascha Zverev ist derzeit die Nummer 110 der Weltrangliste – für einen 18-Jährigen ziemlich respektabel. „Ich hoffe, bald unter den ersten Hundert zu stehen“, sagt er. Vieles würde sich dadurch erleichtern, er müsste zum Beispiel nicht, wie in der dritten Mai-Woche, vor einem Grand-Slam-Turnier wie den French Open in Paris erst in die Qualifikation.

Guter Weg heißt auch: Sascha Zverev hat sich stetig verbessert. Vor genau zwei Jahren war er die Nummer 823 der Weltrangliste, dann kam im vergangenen Jahr Hamburg, da schoss er um 400 Plätze nach oben. Er ist von Jahr zu Jahr gewachsen, auch körperlich, nochmal „so zwei, drei Zentimeter“ in den vergangenen Monaten. Zverev misst nun 1,98 Meter – zu übersehen ist er also nicht.

Seine Größe hat er noch nicht so richtig im Griff, aber er arbeitet daran, vor allem mit Jez Green, ehemals Fitnesscoach von Olympiasieger Andy Murray, dem großen Star und Sieger von München. „Zu Beginn der Saison habe ich mich mit meinem neuen Körper noch nicht so rangetastet, ich wusste nicht, was möglich ist und was nicht.“ Aber jetzt kommt er so langsam dahinter.

Kohlmann betont, Zverev habe „auf jeden Fall das Potenzial für ein Top-30-Niveau“. Darüber hinaus, ergänzt der Teamchef, habe er „auf jeden Fall“ das Zeug, um „in naher Zukunft“ Davis Cup für Deutschland zu spielen. Vielleicht schon im September? Da will sich Kohlmann dann doch nicht festlegen: Philipp Kohlschreiber, Florian Mayer, Jan-Lennard Struff und Peter Gojowczyk seien auch noch da.

Ach ja, und Haas natürlich. „Er ist ein außergewöhnlicher Spieler“, betont Kohlmann, und selbstverständlich sei die Tür für ihn „halb offen“. Allerdings: Es ist kaum anzunehmen, dass Haas sie nochmal ganz aufstößt.