arag sid

Dezember 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Deutschlands Tischtennis-Star Timo Boll sorgt sich um die Außendarstellung seines Sports. Für ein attraktiveres Erscheinungsbild hält der Rekordeuropameister ein umfassendes „Facelifting“ für unverzichtbar. „Die häufige Stille ist ein Problem für Tischtennis“, meinte der 34-Jährige zum Sport-Informations-Dienst (SID) vor dem Bundesliga-Finale mit seinem Klub Borussia Düsseldorf am Pfingstsonntag.

In der Szene setzte der Weltranglistensiebte damit eine Diskussion über mehr Spektakel rund um die Box in Gang. Aus Bolls Sicht sollte künftig mehr Happening-Charakter herrschen. Selbst bisher Undenkbares hält der deutsche Rekordmeister für möglich: „Man kann auch einfach einmal ausprobieren, noch im Spiel Musik laufen zu lassen.“

Schmetterbälle zum Sound fetziger Songs kämen allerdings einer Revolution gleich: Bis dato gelten im Tischtennis für Zuschauer Zwischenrufe geradezu als verpönt, von Fan-Gesängen ganz zu schweigen. Die praktisch absolute Ruhe unter den zumeist nur fachkundigen Besuchern unmittelbar vor Aufschlägen und während der Ballwechsel, bestenfalls unterbrochen von einem zurückhaltenden Raunen bei sehenswerten Rallyes, ist ein traditionelles Charakteristikum des Sports – aber eben auch ein Hindernis für eine Inszenierung als Event.

Boll: „Die Zuschauer wollen doch etwas erleben.“ Boll sieht dafür alle Beteiligten – Organisatoren, Vereine und Spieler – gefordert. Eine bessere Atmosphäre könnten Klubs alleine schon durch entsprechende Dekorationen ihrer Hallen schaffen: „In den USA“, sagt Boll, „sind beim Basketball in der NBA die Hallen oft in die Farben der Heimteams getaucht. Dadurch kommt Flair in die Hallen.“

Als Fortschritt bewertete Boll schon im zurückliegenden Winter den Aufwand für den Bundesliga-Zuschauerrekord von 5492 Besuchern in Hamburg bei Düsseldorfs Hauptrundenspiel gegen Fulda: „Man riecht den Turnhallenmief nicht mehr“, lobte der Routinier die damaligen Bemühungen von Liga und Vereinen, machte aber zugleich einen Mangel an Identifikation zwischen Spielern und Anhängern als einen Hauptgrund für die oft nur mäßige Stimmung in den Hallen aus: „Bei uns fehlt eine Fan-Kultur.“

Bei Deutschlands Tischtennis-Prominenz stoßen Bolls Gedanken zumindest im Grundsatz auf Zustimmung: „Als Fan oft bis zu drei Stunden ruhig auf einem Platz zu sitzen, ist nicht mehr zeitgemäß“, sagte Bundestrainer und Ex-Weltmeister Jörg Roßkopf dem SID: „Musik im Spiel ist sicher eher problematisch. Aber man müsste trotzdem eigentlich ständig, etwa in den Handtuchpausen, etwas starten, damit die Zuschauer begeistert sind und Action erleben. Man muss die Fans abholen und mitnehmen, damit sie sich im Spiel eingebunden fühlen und sich selbst auch als Teil des Spiels empfinden. Es sollte versucht werden, noch mehr Emotionen aus der Box auf die Zuschauer zu übertragen.“

Europameister Dimitrij Ovtcharov (Hameln/Orenburg) setzt aufgrund seiner Erfahrungen beim letztjährigen World-Tour-Finale in Bangkok zudem auf optische Effekte wie einen Einmarsch der Spieler in Gladiatoren-Manier: „Da ist nur ein Spot auf die Spieler gerichtet, die Box mit LEDs umrandet, im Spiel nur die Box ausgeleuchtet und die Halle abgedunkelt“, berichtete der Olympia-Dritte dem SID: „Das ist mega.“

Für mehr Action im Spiel schlägt der Weltranglistensechste eine Anleihe beim Fußball vor: „Es geht zu viel Zeit dadurch verloren, dass wir nach jedem Punkt den Ball holen. In China werden mehrere Bälle benutzt. Das ist sicher besser für die Zuschauer.“