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Dezember 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

London (SID) Der Tag seiner persönlichen Mondlandung begann mit einem Traum. Im Schlaf, das erzählte er in der SWR-Dokumentation „Boris Becker und das Wunder von Wimbledon“, habe er vor Augen gesehen, „wie ich den Pokal in die Luft strecke“. Aus dem Traum wurde Wirklichkeit – und wenige Augenblicke, nachdem Becker an jenem denkwürdigen 7. Juli 1985 um 17.26 Uhr den Matchball mit einem krachenden Aufschlag verwandelt hatte, veränderten sich sein Leben und die Sportwelt grundlegend.

30 Jahre später schreitet Becker gemächlich durch den All England Club in Richtung Centre Court, den er als sein Wohnzimmer bezeichnet. Schneller geht’s kaum, was nicht an den Menschenmassen, sondern an den Spätfolgen seiner glanzvollen Karriere liegt. Hüften und Sprunggelenke sind zerstört, Respekt und Bewunderung für den jüngsten Sieger des ältesten Tennisturniers der Welt geblieben.

Das Phänomen des 17-jährigsten Leimeners auf Erden, hier im Londoner Südwesten ist es lebendig wie eh und je. Es basiert auf einer Zahlenreihe, die vor drei Jahrzehnten auch in Deutschland jedes Kind herunterbeten konnte: 6:3, 6:7, 7:6, 6:4. Der Gegner: Kevin Curren aus Südafrika. Der Jubel: unzählbare schnelle Trippelschritte, beide Arme in den Himmel gestreckt. „Game, Set, Match Becker!“

„Es ist ein unglaubliches Erlebnis gewesen, ein sehr einschneidendes“, sagt Becker heute. Denkt er an die Momente nach dem Triumph, stellen sich die hellen Haare an seinen Armen noch immer auf. Gänsehaut: „Menschen, die mich dreieinhalb Stunden zuvor normal angeschaut hatten, starrten mich an wie so ein Wunder aus einer anderen Welt.“

Curren gehörte dazu. Als er den Centre Court verließ, empfing ihn „Mr. Tennis“ Bud Collins zum Interview. Frage: „Kevin, haben Sie vor dem Turnier gedacht, hier Jimmy Connors und John McEnroe zu schlagen und nicht den Titel zu gewinnen?“ Antwort: „Nicht in meinen kühnsten Träumen!“

Es war ja nicht so, dass Becker durchs Turnier gerauscht wäre, einmal, in Runde drei gegen den Schweden Joakim Nyström, war er zweimal nur einen Punkt vom Aus entfernt. Auch im Achtelfinale gegen Tim Mayotte aus den USA quälte er sich über fünf Sätze. „Boris war mit dem Fuß umgeknickt. Er wollte schon aufgeben“, erinnert sich sein Trainer Günther Bosch in der Bild-Zeitung: „Auch im Halbfinale gegen Anders Järryd war er schon auf der Verliererstraße.“

Doch Becker verlor nicht und läutete stattdessen mit einem Urknall ein neues Zeitalter im Profisport ein. Das Leben und Leiden des jungen Boris mit seinen Millionen Fans und millionenschweren Werbeverträgen, später mit Besenkammer und Fliegenklatschen auf dem Kopf, war die perfekte Grundlage für die große Inszenierung des aufkommenden Privatfernsehens.

„Ich bin öffentlich groß geworden, mit Stärken und Schwächen, mit Fehlern“, sagt Becker: „Ich habe mich sportlich weiterentwickelt, das war mir das Wichtigste. Aber es war ein anstrengender Weg.“

Heute, 30 Jahre nach der Sternstunde des deutschen Sports, die in ihrer Dimension fast an das Wunder von Bern heranreicht, wähnt sich Becker angekommen. Er wohnt in Wimbledon, der All England Club ist sein Tennis-Klub, hier schaut er gerne vorbei. Groß feiern wolle er sein Jubiläum dann am 7. Juli jedoch nicht, „ich lebe im Hier und Jetzt, in der Gegenwart“. Die heißt Novak Djokovic. Auch der Serbe hat einen Traum: In diesem Jahr will er mit seinem dritten Titel mit seinem Trainer und Idol Boris Becker gleichziehen.