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Dezember 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Kasan (SID) Anna Bader stürzte sich aus 20 Metern in die Tiefe und tauchte mit leeren Händen, aber einem strahlenden Lachen wieder auf. Nach ihrer spektakulären Flugshow kletterte die Klippenspringerin zwar ohne WM-Medaille aus der Kasanka, verteilte jedoch bestens gelaunt Handküsschen und träumte von Olympia. „Ich hoffe, dass wir in Rio als Demonstrationssportart dabei sind“, sagte die 31-Jährige.

Dass zwei Jahre nach Bronze bei der WM-Premiere in Barcelona diesmal nur der siebte Platz heraussprang, ärgerte die Mainzerin aber doch ein wenig. „Ich konnte die Sprünge nicht so umsetzen, eine Medaille wäre schön gewesen“, meinte sie: „Aber es hat großen Spaß gemacht.“

Das zweite WM-Spektakel mit faszinierenden TV-Bildern und dem Sieg der Amerikanerin Rachelle Simpson ließ die Serien-Europameisterin sogar schon an Tokio 2020 denken. „Wie alt bin ich denn dann?“, fragte sie sich selbst, „ich würde alles dafür geben, das wäre das Größte.“ Bis zu den Olympischen Spielen ist der Weg für Bader & Co. noch weit, doch auch in Kasan machten die Extremsportler mit ihren Sprüngen aus schwindelerregender Höhe mit bis zu 90 km/h beste Werbung.

Bei nur 19 Grad und böigem Wind hatte sich Bader vor dem Auftakt warm getanzt. Nach der ersten Runde lag sie noch auf Platz drei. Die mehreren Tausend Zuschauer auf den Tribünen und der Uferpromenade hielten bei jedem Sprung den Atem an. Taucher begleiteten die Extremsportlerinnen unter Wasser, um bei Unfällen sofort eingreifen zu können. Ihre zweite Aufgabe: das Wasser mit den Händen aufwühlen, damit der Aufprall nicht so hart ist. Beim Klippenspringen tauchen die Athleten mit den Füßen zuerst ein, weil die einwirkenden Kräfte auf die Nackenmuskulatur bei einem Kopfsprung zu groß wären.

Auch nach dem Dreifach-Rückwärtssalto mit Schraube lachte Bader in die Kamera, doch da war sie bereits auf den sechsten Platz zurückgefallen. Im letzten Durchgang riskierte sie noch einmal alles, wählte einen Dreifach-Vorwärtssalto mit Eineinhalb-Schraube und dem höchsten Schwierigkeitsgrad – ohne Erfolg. „Es war rauer als in Barcelona“, gab sie zu: „Ich bin froh, heil unten angekommen zu sein.“

Die Teilnahme an der zweiten offiziellen WM hatte Bader auch ein wenig Angela Merkel zu verdanken. Denn eigentlich hatte die Mainzerin das Klippenspringen mit dem Klassenzimmer getauscht, doch das Unterrichten allein machte sie nicht glücklich. Also erwirkte sie beim Kultusministerium eine Auszeit vom Referendariat – unter anderem mit dem Glückwunschschreiben der Bundeskanzlerin, das Bader nach ihrer Bronzemedaille in Barcelona erhalten hatte.

„Ich habe versucht, sesshaft zu werden. In den Sommerferien habe ich aber entschieden, dass ich für den Sport nochmal alles geben will“, sagte die angehende Lehrerin für Englisch und Erdkunde. Die WM-Teilnahme der Extremsportler sei „ein Geschenk des Himmels“.

Bei der WM-Premiere vor zwei Jahren hatte Bader bereits die Blicke auf sich gezogen. Zuerst ließ die achtmalige Europameisterin für den Playboy den Badeanzug fallen, dann sprang sie aufs Podest. Bader sorgte mit dafür, dass das High Diving, wie die Sportart im offiziellen WM-Programm heißt, auf Anhieb ein Zuschauermagnet war.