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September 2020

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London/München (SID) Das Spiel gegen den großen Rivalen England war Nebensache: An einem denkwürdigen Abend in Wembley erfuhr Frankreich nach den Anschlägen von Paris eine Woge der Solidarität.

Nach dem emotionalsten Spiel seiner Karriere als Trainer und Spieler verspürte Didier Deschamps eine tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber einem Jahrhunderte alten, bislang ungeliebten Rivalen. „Ich möchte den Menschen in England und hier in Wembley danken“, sagte er berührt, „von den Emotionen her war dies ein sehr starker Moment. Wir waren alle vereint, und das hebt deine Stimmung, denn du spürst dies in deinem Herzen. Es ist wunderschön, es ist bewegend, es ist grandios.“

Dieser wunderschöne, bewegende, grandiose Moment ereignete sich vor dem Spiel, das Frankreich am 17. November gegen England 0:2 verlor. 71.223 Zuschauer in Wembley, dieser Kathedrale des Fußballs, sangen „La Marseillaise“, die französische Nationalhymne. Die einen voller Inbrunst, die anderen ein bisschen zaghaft ob der fremden Sprache, aber alle mit dem Willen, Frankreich Unterstützung zu demonstrieren. Dazu hielten die Zuschauer vor den Augen von Prinz William in einer Kurve Pappkartons in die Höhe, um die französische Tricolore zu formen.

Der Guardian nannte dies einen „Moment, der lange in unserer Erinnerung leben wird, eine Geste der Wärme und der Solidarität, aber auf seine eigene Art auch ein Moment mit einer kleinen Bedeutung in der ausgedehnten Historie dieser Nationen“. Ausgerechnet England, dessen Heere Frankreich im 14. Jahrhundert überfielen und das Verhältnis beider Nationen bis heute prägen, empfing den Rivalen mit offenen Armen. England könne „wahrhaft stolz“ sein, wie es sich verhalten habe, sagte Teammanager Roy Hodgson.

Das Spiel war nicht ausverkauft, etwa 20.000 Plätze blieben leer in Wembley, aber, betonte der englische Fußball-Verband FA: Nur 100 Eintrittskarten waren nach den Terroranschlägen in Paris zurückgegeben worden. Viele derer, die kamen, ließen die starken Sicherheitsvorkehrungen geduldig über sich ergehen, sie hatten französische Fahnen und Plakate mitgebracht. Vor dem Spiel betraten Deschamps und Hodgson gemeinsam mit Prinz William den Innenraum und legten Blumengebinde am Rande des Spielfelds nieder.

Besonders bewegend war der Empfang für Lassana Diarra, der bei den Attentaten in Paris eine Cousine verloren hatte. Der Mittelfeldspieler wurde wie sein Mannschaftskollege Antoine Griezmann, dessen Schwester dem Massaker in der Konzerthalle Bataclan entkommen war, in der zweiten Halbzeit unter großem Applaus eingewechselt. Diarra, betonte Deschamps, habe durch sein Verhalten seit Freitag allen „eine besondere Botschaft“ gesendet, „seine Präsenz bei uns war sehr stark, deshalb habe ich ihn spielen lassen.“

Dass die Three Lions durch den ersten Länderspieltreffer des 19 Jahre alten Delé Alli (39.) und den 51. von Wayne Rooney (48.) das 30. Duell der beiden Rivalen gewannen: eine Fußnote an einem Abend, an dem „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ beschworen wurden. Die Tageszeitung Corriere della Sera aus Italien schrieb dazu: „Wer noch auf einen Beweis gewartet hatte, dass Europa lebt und Widerstand leistet, hat es im Wembley Stadion erhalten.“