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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Rio de Janeiro (SID) Brasilien steckt in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Das Organisationskomitee Rio 2016 setzt deshalb für die Sommerspiele im kommenden Jahr den Rotstift an.

Auch wenn (Geld-)Not erfinderisch macht – der Vorschlag, dass die Sportler für die Klimaanlagen auf ihren Zimmern im Athletendorf selbst aufkommen müssen, ging dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) dieser Tage dann doch zu weit. Dennoch regiert wenige Monate vor den Olympischen Sommerspielen (5. bis 21. August) und den Paralympics (7. bis 18. September) in Rio de Janeiro der Rotstift.

Man sei „mitten im Prozess, die Ausgaben nachzuprüfen“ und „auf der Suche nach kreativen Lösungen, um einen ausgeglichenen Etat zu garantieren“, heißt es in einer Presseerklärung des Comitê Rio 2016.

Das Budget der Organisatoren, das weder den Bau der Wettkampfstätten, noch Infrastrukturverbesserungen der Stadt umfasst, ist auf 7,4 Milliarden Real, heute umgerechnet 1,81 Milliarden Euro, begrenzt. Refinanziert wird der Spaß durch Sponsoren, Verkauf von Tickets und lizenzierten Produkten sowie einem IOC-Zuschuss, der sich inklusive der Paralympics auf etwa 1,3 Milliarden Euro beläuft. Der Kern der Wettbewerbe sowie Eröffnungs- und Schlussfeier bleiben von den Einsparungen (vorerst) ausgenommen.

Dennoch wird es nicht nur in der Cidade Olímpica, wo statt der geplanten 3600 Fernseher – einer für jedes Apartment – nun 50 für Gemeinschaftsräume angeschafft werden sollen, spartanisch. „Die Zeiten, in denen das Geld zum Fenster hinausgeworfen wurde, sind vorbei“, sagte Comitê-Kommunikationsdirektor Mário Andrade.

Deshalb sollen weniger Hilfskräfte eingesetzt werden. Im Catering, Transport und bei Reinigungsdiensten wird Personal gestrichen, von zehn Prozent ist die Rede. Betroffen sind auch die Volunteers, deren Zahl um 5000 reduziert werden soll. Auch für Uniformen, Verpflegung und Transport soll weniger ausgegeben werden.

Ins Trudeln gebracht hat den Etat die Wirtschaftskrise in dem ersten südamerikanischen Land, das die Sommerspiele und Paralympics austrägt. Das Wachstum stagniert, die Arbeitslosenzahlen steigen, und die Währung taumelt.

Allein im ablaufenden Jahr verlor der Real ein Drittel seines Wertes gegenüber dem Dollar. Brasilien wird im Ranking der größten Volkswirtschaften der Welt von Platz sieben wohl aus den Top Ten fallen. Der endlose Streit zwischen Parlamentspräsident Eduardo Cunha und Präsidentin Dilma Rousseff, die sich einem Amtsenthebungsverfahren stellen muss, forciert die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung.

Viele Verträge von Rios Comitê sind in US-Währung abgeschlossen. Umso mehr werden selbst die Olympiatestläufe zum finanziellen Drahtseilakt. Das Comitê übernimmt längst fertiggestellte Sportstätten mit einem Kniff erst kurz vor der ersten Nutzung, um Betriebskosten einzusparen. Bei den vergangenen vier Events von „Aquece Rio“ (Wärme auf, Rio) wurde erstmals auf öffentliche Gelder, über Steueranreize an interessierte Firmen, zurückgegriffen.

Für Brasiliens Sportler könnte die Finanzkrise gar ein fataler Schlag ins Edelmetall-Kontor bedeuten. In dem Ukrainer Oleg Ostapenko, Medaillenschmied der Kunstturner, und dem Franzosen Jean-Maurice Bonneau, der die Springreiter aufs Siegertreppchen führen sollte, machten sich wegen fehlender Gelder schon zwei ausländische Startrainer aus dem Staub.

Wegen des hohen Dollar-Wechselkurses steht die Finanzierung von Trainingslagern und Wettkampfteilnahmen im Ausland für viele heimische Sportler auf der Kippe. Die Brasilianer hatten von einem anderen Szenario geträumt, als Rio vor gut sechs Jahren als Repräsentant eines erwachenden Giganten den Olympia-Zuschlag bekam. Der Doppelschlag aus Fußball-WM 2014 und Olympischen Spielen 2016 sollte das Land endgültig in die Weltspitze katapultieren.

Kurz vor Weihnachten tagte in Lausanne noch die IOC-Exekutive. Angeblich berät sie auch über Maßnahmen, die noch retten sollen, was in Rio noch zu retten ist.