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September 2020

Landessportbünde

Das Thema Selbstbehauptung und Selbstverteidigung ist besonders seit den Übergriffen in der Silvesternacht in aller Munde: Wie sensibel Übungsleitungen dabei vorgehen, zeigt ein Praxisbeispiel aus Moers sowie die positiven Erfahrungen mit der LSB-Sonderlizenzausbildung.

Es ist schon dunkel draußen, die nackten Füße fühlen den kalten Hallenboden, der Körper ist komplett angespannt und bereit: Begleitet von einem schrillen Kampfschrei trifft den geschützten Trainer David Klostermann ein fester Tritt seitlich unterhalb der Kniescheibe: „Wenn die die Pratze sehen, dann sind sie heiß. Einmal so richtig gegen das Schlagpolster scheppern, das mag meine Gruppe.“ Jeden Mittwoch lehrt der 38-jährige Übungsleiter beim Kampfkunstverein Budo Club Moers e.V. die rund 15 Damen und Herren (zwischen 16 und 65 Jahren), sich zu verteidigen.

Seit 2012 besucht Anne Meyer (33)* gelegentlich das eineinhalbstündige Mittwochstraining sowie spezielle Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse. „Ich war sehr verunsichert und ängstlich, weil ich selber Gewalt erfahren habe. Dank des Trainings gehe ich jetzt selbstbewusster durchs Leben, meine Körperhaltung hat sich beispielsweise sehr zum Positiven verändert.“ Der gelernten Kauffrau sind die regelmäßigen Wiederholungen der Kurse sehr wichtig: „Ich vergleiche das gerne mit Vokabeln lernen, die muss man auch mehrfach betrachten, um sie fest abzuspeichern. Bei den Kursen picke ich mir das heraus, was ich brauche, selbst wenn es viele Wiederholungen für mich sind.“ Auch ihr vertrauter Übungsleiter Klostermann bestätigt: „Nur was sich fest in den Kopf setzt, ist ohne nachzudenken, schnell und frei in einer Notsituation abrufbar.“

„Sei wachsam, besiege deine Angst, kenne die Schwachstellen des Gegners!“

Ein Tritt zum Schienbein, Bein nach hinten absetzen und den Unterarm auf den festhaltenden Arm des Angreifers schlagen. Gleichzeitig mit der anderen Hand zum Kehlkopf stoßen, schlagen oder stechen. So lautet die präzise Beschreibung der nächsten Übung der „straßenbezogenen Selbstverteidigung“. Rainer Pütz (49) folgt den konkreten Anweisungen und bringt schließlich seinen Trainingspartner mit der nächsten Technik zu Fall: „Ich wollte kein Couch-Potato werden. Meine Tochter ist hier Mitglied im Verein und hat mich motiviert, dieses praxisbezogene Angebot zu nutzen“, erzählt der Moerser Sozialpädagoge.

Hinschauen, wahrnehmen, entscheiden, handeln!

„Ein verhinderter Kampf ist ein gewonnener Kampf“ (Laotse, China) – unter diesem Vereins-Motto werden alle Kurs- und Trainingsteilnehmer/-innen geschult. „Selbstverteidigung fängt da an, dass man Gefahrensituationen vermeidet. Nur dann, wenn es die Situation erfordert, ist man gezwungen, bis zum Äußersten zu gehen“, erklärt Klostermann, Träger des zweiten Dan. Bei der Selbstbehauptung werden die Schwerpunkte auf die mentale Stärkung gesetzt. Selbstverteidigungstechniken lassen sich nur wirksam einsetzten, wenn im Rahmen der Selbstbehauptung der Wille zur Verteidigung verinnerlicht wurde. Deshalb werden auch Kurse für Mädchen und Frauen sowie für Jungen und Männer getrennt voneinander angeboten: „Frauen haben grundsätzlich eine wesentlich größere Hemmschwelle, überhaupt Gewalt anzuwenden. Männer sind eher bereit, zuzuschlagen und denken erst im Nachhinein über die Konsequenzen ihres Verhaltens nach. Außerdem fühlen sich beide Parteien eher unwohl, wenn das andere Geschlecht mit dabei ist“, verdeutlicht er.

„Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst“

Seit 1998 bietet der Landessportbund NRW eine Sonderlizenzausbildung „Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen“ an. Rund 16 Frauen können jährlich dieses spezielle Angebot über 96 Lerneinheiten, verteilt auf sieben Wochenenden, nutzen. In Übungen, Rollenspielen und Gesprächen lernen die Teilnehmerinnen viele Facetten der Selbstbehauptung kennen.

Vor rund sechs Jahren hat Heila Eichler aus dem Münsterland an dieser intensiven Ausbildung teilgenommen: „Ich habe viel aus dem Bereich Selbstbehauptung mitnehmen können, vor allem die Rollenspiele. Eine lohnenswerte Ausbildung, die mir Anregungen und Ideen für meine Kurse gegeben hat.“ Im Gegensatz zu vielen anderen Übungsleiterinnen hat die Diplomkauffrau bereits vor der Sonderlizenzausbildung Kurse in Vereinen bzw. für den Hochschulsport der Universität Münster gegeben. „Ich bin mir meiner Verantwortung als Übungsleiterin sehr bewusst. Oftmals ist Fingerspitzengefühl gefragt, da jede Frau anders ist und auch aus unterschiedlichen Beweggründen die Kurse besucht. Nicht selten wird man zur Vertrauensperson für die Kursteilnehmerinnen“, ergänzt die 48-Jährige. Für sie wäre es optimal, wenn Frauen für Frauen und Männer für Männer die Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse anbieten würden. „Eine gute Sache, dass der Landessportbund NRW diese Ausbildung zukünftig auch für Männer anbieten möchte.“

Nach den schrecklichen Ereignissen in der Silvesternacht, unter anderem auch am Kölner Hauptbahnhof, ist die Nachfrage beispielsweise nach Selbstverteidigungskursen gestiegen. „Frau sollte vorbereitet sein und an diesen Themen dran bleiben“, empfiehlt Anne Meyer, die sich von den Vorfällen sehr bewegt zeigt. „Eine perfekte Lösung zur Selbstverteidigung, die zu jedem passt, gibt es natürlich nicht“, da sind sich alle einig. Aber grundsätzlich gilt: Ein selbstbewusstes Auftreten kann schon ganz viel ausmachen!

*Name geändert

Quelle: www.lsb-nrw.de