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September 2020

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München (SID) Der Weltmeister kann aufatmen: Angeführt vom endlich wieder jubelnden WM-Helden Mario Götze und einem überragenden Ersatzkapitän Thomas Müller hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen historischen 4:1 (2:0)-Sieg gegen Angstgegner Italien gefeiert und für die EM-Endrunde wieder ein deutliches Ausrufezeichen gesetzt.

72 Tage vor dem Turnierstart in Frankreich zeigte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw ein ganz anderes Gesicht als drei Tage zuvor beim frustrierenden 2:3 gegen England in Berlin und feierte am Ende in München nicht nur ihren ersten Erfolg im EM-Jahr, sondern auch einen höchst überzeugenden Sieg im 33. Duell mit den Italienern.

„Heute haben wir gesehen, was passiert, wenn wir mit der richtigen Mentalität auf den Platz gehen“, sagte Mats Hummels nach dem Abpfiff in der ARD und Toni Kroos ergänzte: „Wir wollten aus einer kompakten Defensive kommen, das ist heute ganz gut gelungen.“ Hochzufrieden war vor allem Mario Götze: „Es ist super, dass der Trainer mir das Vertrauen gegeben hat. Das war ein tolles Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen.“

Im letzten Länderspiel vor der Bekanntgabe seines vorläufigen Aufgebots am 17. Mai konnte sich Bundestrainer Joachim Löw zuvor über Treffer von Kroos (24.), Götze (45.), Jonas Hector (59.) und Mesut Özil (75./Foulelfmeter) freuen. Italiens Ehrentreffer erzielte Stephan El Shaarawy (82.). Für die DFB-Auswahl war der Erfolg im Duell der viermaligen WM-Champions gegen die Squadra Azzurra nach zuvor zwei Niederlagen in Frankreich (0:2) und gegen England nicht nur Balsam auf der Seele, sondern zugleich der erste Sieg gegen Italien seit dem 21. Juni 1995 (2:0).

„Heute haben wir insgesamt clever gespielt, gut verteidigt und gute Angriffe nach vorne gezeigt. Mesut Özil und Toni Kroos haben ihre Sache im defensiven Mittelfeld sehr gut gemacht. Alle Spieler haben heute ihre Aufgabe sehr gut erfüllt“, sagte ein zufriedener Löw nach dem Abpfiff.

Als Konsequenz aus der Pleite gegen England hatte er seine Startelf auf fünf Positionen verändert. Im Tor hatte sich Löw für Marc-André ter Stegen entschieden, der für den erkrankten Manuel Neuer spielte. Als Kapitän durfte in seinem Stadion erstmals Bayern-Star Müller das DFB-Team auf den Platz führen.

Taktisch begann das DFB-Team im 3-4-3-System und hatte auch die erste gute Chance durch einen schnell gefahrenen Konter. Özil, der bei seiner Premiere auf der Doppelsechs überzeugen konnte, ließ sich aber nach einem schönen Pass vom als rechtem Mittelfeldspieler eingesetzten Sebastian Rudy im letzten Moment abdrängen (8.). Allgemein wirkte der Weltmeister vor 62.653 Zuschauern viel leidenschaftlicher und entschlossener als gegen England. Das Bemühen, die Niederlage vergessen zu lassen, war deutlich zu spüren.

Nicht unverdient war daher die Führung nach etwas mehr als der Hälfte der ersten Halbzeit. Eine Hereingabe von Müller nach öffnendem Pass von Özil klärte Italiens Abwehrspieler Francesco Acerbi unglücklich in die Mitte und Kroos ließ mit einem Linksschuss aus 20 Metern Torwart-Ikone Gianluigi Buffon keine Chance. Von den Italienern war offensiv fast gar nichts zu sehen. Erstmals in gute Schussposition kamen sie erst nach einer halben Stunde durch Lorenzo Insigne. Dafür sorgte ter Stegen aber selbst für Gefahr, als er in der 37. Minute einen Rückpass von Antonio Rüdiger fast verstolperte.

Sekunden vor dem Pausenpfiff gelang dann Bayern-Profi Götze, der in der Allianz Arena zuletzt nur noch auf der Bank saß, in seinem 50. Länderspiel per Kopf sein 17. Treffer für die DFB-Auswahl. Erneut zeichnete sich Müller als Vorbereiter aus. Götze, der bis zur seiner Auswechslung in der 63. Minute reichlich Selbstvertrauen tanken konnte, hatte zuvor letztmals am 04. Oktober getroffen.

Im Gegensatz zum Auftritt gegen die Engländer hielt die deutsche Mannschaft die Konzentration auch in der zweiten Hälfte hoch. Die Italiener mühten sich zwar nach Kräften, konnten die diesmal stabile Defensive des Weltmeisters aber nicht ernsthaft in Gefahr bringen.

Hector mit seinem ersten Länderspieltreffer zog den Azzurri dann endgültig den Zahn. Julian Draxler hatte den Kölner gut in Szene gesetzt. Özil nutzte dann anschließend die Gelegenheit vom Punkt, nachdem zuvor Sebastian Rudy gefoult wurde. Beste Akteure im Team des Weltmeister waren Müller, Götze und Kroos, bei Italien stach kein Spieler hervor.

Die wichtigsten Erkenntnisse des Bundestrainers aus den beiden Tests gegen die Squadra Azzurra und drei Tage zuvor gegen England (2:3) mit Blick auf das Turnier in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) hat der SID in fünf Punkten zusammengestellt:

1. Löws Gerüst steht

Marc André ter Stegen darf sich zwar als neue Nummer zwei fühlen, doch sein Wackel-Auftritt gegen Italien belegte vor allem, wie unverzichtbar Manuel Neuer ist. Der Weltmeister-Torwart bildet die Basis einer Achse um die – Fitness vorausgesetzt – unumstrittenen Rio-Helden Jerome Boateng, Mats Hummels, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Mesut Özil und Thomas Müller.

Dazu kommt Jonas Hector, den Löw auf links für gesetzt erklärte. Wenn alle fit sind, deutet sich folgende EM-Elf an: Neuer – Can, Boateng, Hummels, Hector – Schweinsteiger, Kroos – Müller, Özil, ReusGomez.

2. Das Vertrauen in Götze ist richtig

Der WM-Held betonte nach seinem erlösenden Treffer gegen Italien, wie wohl er sich im Kreise der Nationalmannschaft fühle. Er sprach von „Spaß“ und „Vertrauen“ – beides hat er unter Pep Guardiola beim FC Bayern nicht. Das dürfte sich bis zur EURO nicht ändern.

Löw kann das nicht gefallen. Doch er hat die Gewissheit gewonnen, dass er sich auf den WM-Finalhelden verlassen kann. Der 23-Jährige ist die erste Alternative zur wieder erstarkten Sturmspitze Mario Gomez, dem Löw eine „stark verbesserte Körpersprache“ bescheinigte.

3. Der Systemtest ist gelungen

Gegen Italien überraschte Löw mit einem 3-4-3 – mit überwältigendem Erfolg. Wenn der verletzte Abwehrchef Boateng zurück ist, könnte die Dreierkette hinten sogar noch an Stabilität und spielerischer Klasse gewinnen.

Dass Spielmacher Özil als Sechser funktioniert, hätten die wenigsten Experten geglaubt. Das Kreativzentrum mit ihm und Kroos bietet Löw in der Spieleröffnung ungeahnte Möglichkeiten. Sami Khedira, aber auch Schweinsteiger dürften das mit einer gewissen Sorge sehen.

4. Deutschland ist (und bleibt) eine Turniermannschaft

Mit dem „Larifari“-Auftritt in Berlin hat sich die Mannschaft selbst unter Druck gesetzt. Der Test gegen Italien hatte so fast schon Turniercharakter – und plötzlich legten Ersatzkapitän Müller und Co. ihre Konzentrationsschwächen ab. „Wir haben bewiesen, dass wir gegen große Mannschaften bestehen können“, sagte Özil richtig – auch wenn Zweifel an den Azzurri blieben.

5. Deutschland kann auch Italien

Vor 21 Jahren war der bislang letzte Sieg gegen den Angstgegner gelungen, damals brauchte es zum 2:0-Erfolg unter anderem ein Eigentor von Paolo Maldini. Das 4:1 hat einen anderen Charakter, auch wenn Italien drei, vier Stammkräfte fehlten.

Mit drei Toren Unterschied hat eine deutsche Mannschaft den viermaligen Weltmeister erst einmal bezwungen – vor über 76 Jahren (5:2). Es war eine beeindruckende Gala, die Mut macht, endlich auch den Turnierfluch gegen den Nachbarn besiegen zu können. Bei der EM ist Italien ein möglicher Gegner im Viertelfinale.