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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Rio de Janeiro (SID) Sport in Rio de Janeiro ist nicht nur Fußball und Maracanã. Vielmehr halten gerade „Exoten“ wie Strandtennis, Stehpaddeln und Drachenflug den Olympia-Gastgeber auf Trab.

Ob den Strand entlang, den Berg hinauf oder hinein ins tiefe Grün: Ganz Rio de Janeiro lebt den Sport rund um die Uhr, in allen Facetten. Weil ohne richtigen Winter das Wetter ganzjährig mitspielt. Weil um das Häusermeer herum und teils mittendrin die Natur aus Meer, Lagune oder Sand, mit Fels oder dem Tijuca-Stadtwald Spielraum für lau bietet.

Die Cariocas laufen, spielen, schwimmen, springen, schwitzen tagsüber unter der Sonne und selbst noch im Dunkeln dank Schweinwerfern entlang der Strand-Perlenkette von Praia do Flamengo bis Barra da Tijuca. Oder auf zahllosen Sportfeldern, sowie bei Neonlicht in modernen Fitnessstudios. „Wer in Rio keinen Sport treibt, sollte einen Psychoanalytiker aufsuchen“, riet schon der Schriftsteller und Karikaturist Millôr Fernandes.

Der 2012 verstorbene Stadtchronist war zeitlebens auch Athlet, machte in den 1950er-Jahren mit seinen Freunden Beachball an der Copacabana so hoffähig, dass die Strandtennisvariante heute als Frescobol Kult ist. Gerade weil es ohne Punktzählung nur darum geht, den Ball im Spiel zu halten, dem Mitspieler das Leben zu erleichtern, statt seine Schwächen auszunutzen. Wie nebenan beim „Altinho“, dem Hochhalten des Fußballs in großer Gruppe. Der Erfolg steht im Plural, die Carioca-Variante des olympischen „Schneller, höher, stärker“.

Es gilt das Motto „Fit for Fun“, oder eher noch auf dem sandigen Laufsteg „Fit for Show“. Die „Girls from Ipanema“ räkeln sich auf Tüchern, Herkules-Männer zeigen sich lieber im Stehen, gebräunt und muskulös. Der Körperkult ist jedoch überraschend tolerant. Dehnungsstreifen, Orangenhaut, Bauchansatz: Wer die Kilos zuviel nicht leugnen kann, findet am Strand viele „Gleichgesinnte“. Schließlich sind alle aktiv, selbst wenn es nur Augen auf Blickfang sind.

Sport in Rio erfindet sich täglich neu. Die Bodyboarder nutzen ein verkürztes Surfbrett und reiten im Liegen – die Geübteren im Knien – über die Wellen. Stehend gleiten gerade Frühaufsteher mit Surfbrett und Stechpaddel beim Stand Up Paddling (SUP) durch die Baía de Guanabara, die Postkarten-Bucht Rios mit Kloakenruf.

Sport in Rio ist auch vertikal. Vom Strand geht es über die nebeneinander gereihten Sportfelder des zentrumnahen Freizeitparks Aterro do Flamengo die Hügel hoch, entweder zu den Bolzplätzen der Favelas oder glatte Felshänge hinauf, die Kletterern wie am Zuckerhut mit ihrem finalen Panoramablick die letzte Luft nehmen. Den Kreis schließen Drachenflieger, die auf dem Pedra Bonito im Stadtteil São Conrado eine ideale Rampe für ihre Luftreise dicht über Hochhäuser hinweg wieder abwärts zum Strand finden.

Natürlich ist Rio mit dem Tempel Maracanã auch Fußball. Derzeit erstklassig mit Flamengo, Fluminense und Botafogo, während Vasco da Gama in Liga zwei die direkte Rückkehr ins Oberhaus anvisiert. Im Basketball ist Flamengo in der nationalen NBB gerade auf dem Weg zum vierten Titel in Folge. Die Volleyball-Damen von Rio de Janeiro VC haben dies in der Superliga vor kurzem schon geschafft.

Andere Sportarten werden von den neuen Arenen für die Sommerspiele profitieren. Der Parque Olímpico in Barra Tijuca, für den die einst als Formel-1-Kurs fungierende Motorsport-Rennstrecke Platz machen musste, wird zum olympischen Leistungszentrum, aber auch zur Schulsportstätte für Talentsichtung umfunktioniert. Die Strecken für Kanuslalom, BMX und Mountainbike im Stadtteil Deodoro öffnen nach den Spielen gar ihre Tore für Jedermann.

Der Parque Radical wird damit eine von rund 400 Sportstätten, verteilt auf 161 Viertel, die von Rios Stadtregierung verwaltet werden. Geschätzt halten sich auf diesen Plätzen täglich rund 50.000 Cariocas fit. In Sachen Sport ist Rio also schon lange olympisch.