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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Berlin (SID) – Nach den anhaltenden Skandalen im internationalen Sport fordern auch die deutschen Anti-Doping-Kämpfer Konsequenzen. „Das Jahr 2015 hat die Glaubwürdigkeit der Anti-Doping-Arbeit weltweit erschüttert“, sagte Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann bei der Jahres-Pressekonferenz der Nationalen-Anti-Doping-Agentur (NADA) Ende Mai in Berlin: „Ich erwarte ein starkes Zeichen, auch im Sinne unserer Athleten.“

Im Blickpunkt steht vor allem die Sport-Großmacht Russland, die massiv in Verruf geraten ist. Dort sei durch Whistleblower „Unfassbares“ herausgekommen. „Wir können nicht zur Tagesordnung übergehen. Ansonsten ist zu befürchten, dass die Werte sowie die Glaubwürdigkeit des Sports ernsthaft in Gefahr geraten“, sagte Gotzmann: „Was muss noch passieren, damit etwas passiert?“ Man müsse darüber nachdenken, ob man Länder, in denen systematisches Doping herrsche, zu großen Sportveranstaltungen zulasse.

Gleichzeitig wies die NADA die Vorwürfe des systematischen Dopings in Deutschland durch die russische Stabhochsprung-Olympiasiegerin Jelena Issinbajewa zurück. „Wir haben ein Meldesystem, mit dem wir unangekündigt kontrollieren. Wir haben eine hohe Qualität der Analytik. Es gibt einen hohen Abschreckungsfaktor“, sagte Gotzmann: „Wir haben kein systematisches Doping, wie uns medienwirksam unterstellt wurde.“

Issinbajewa hatte Ende Mai in einem Interview unter anderem Deutschland systematisches Doping vorgeworfen. Beweise lieferte die Weltrekordlerin jedoch nicht. Vielmehr steht Issinbajewas Heimatland Russland selbst stark unter Druck. Über das Olympia-Aus der derzeit suspendierten russischen Leichtathleten entscheidet der Weltverband IAAF voraussichtlich am 17. Juni in Wien.

Darüber hinaus werden die Forderungen nach einem gesamten Ausschluss Russlands immer lauter. Vor allem, wenn sich die Vorwürfe gegen das Gastgeberland bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 bewahrheiten.

Der damalige Leiter des Anti-Doping-Labors, Gregori Rodtschenkow, hatte von einem staatlichen Dopingsystem berichtet. Dutzende russische Sportler seien gedopt an den Start gegangen, davon mindestens 15 Medaillengewinner. Mit Hilfe des Inlandgeheimdienstes FSB seien mehr als 100 Dopingproben nachts ausgetauscht worden.

„Wenn Geheimdienste involviert sind, sind der Sport und Anti-Doping-Agenturen machtlos“, sagte Gotzmann. Allerdings seien die russischen Anstrengungen auch ein Zeichen für ein starkes Kontrollsystem: „Meine Güte, was da für ein Aufwand getrieben werden musste.“

Im Fall der noch ausstehenden Untersuchung zu den Winterspielen in Sotschi erhofft sich die NADA noch vor den Spielen in Rio Aufklärung. „Es gibt viele Fragen, aber es gibt auch viel Aktivität“, sagte Gotzmann. Eventuell könne man beispielsweise über das Alter des Urins mögliche Manipulationen nachweisen. In Sotschi sollen Dopingproben durch älteren, unbelasteten Urin der Sportler ausgetauscht worden sein.

Für ihre Arbeit in Deutschland im Jahr 2015 zog die NADA dagegen ein positives Fazit. Insgesamt seien bei insgesamt 12.425 Kontrollen 27 Sanktionen wegen Verstößen gegen die Anti-Doping-Richtlinien ausgesprochen worden. 83 mögliche Verstöße stellte die NADA fest, daneben gab es außerdem 258 Melde- und Kontrollversäumnisse. Mit diesem Ergebnis bewege man sich auf dem Niveau von Ländern mit vergleichbaren Kontrollsystemen. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagte Gotzmann.

Der Gesamtetat der NADA betrug im Vorjahr 9,1 Millionen Euro, davon stammen sechs Millionen Euro aus Bundesmitteln. Im laufenden Jahr soll sich das Budget um die 10 Millionen Euro bewegen.