arag sid

September 2020

Top-Thema

Paris (SID) Von der Öffentlichkeit als Versager abgestempelt, von „Kaiser“ Franz Beckenbauer als „Rumpelfüßler“ verspottet: Das blamable Vorrunden-Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft unter Teamchef Erich Ribbeck bei der EURO 2000 in den Niederlanden und Belgien gilt immer noch als einer der Tiefpunkte in der DFB-Historie. Für Ribbeck war es der Anfang vom Ende. Doch das Scheitern hatte auch eine gute Seite: Im deutschen Fußball, der sich jahrzehntelang als das Maß der Dinge gesehen hatte, fand ein Umdenken in der Ausbildung der Spieler statt. Der DFB stellte (fast) alles auf den Prüfstand und auf den Kopf.

Es wurden so auch die Grundlagen für den WM-Triumph 2014 in Brasilien gelegt. Zwar wiederholte sich der Worst Case noch einmal bei der EM-2004 in Portugal unter Teamchef Rudi Völler, der danach hinwarf. Ansonsten erreichte die deutsche Elf bei den Turnieren seit 2000 aber immer mindestens das Halbfinale – mit dem Höhepunkt von Rio.

Deutschland hat sich nach den peinlichen EM-Ausrutschern längst wieder seinen legendären Ruf als Turniermannschaft zurückerobert. Vier WM-Titel und drei Triumphe bei Europameisterschaften stehen insgesamt in der stolzen Bilanz, dazu kamen noch insgesamt sieben Endspiel-Teilnahmen. Der letzte Erfolg bei einer EURO unter Ex-Bundestrainer Berti Vogts liegt aber nun schon 20 Jahre zurück. Umso ehrgeiziger ist das Team von Chefcoach Joachim Löw, in Frankreich die lange Durststrecke zu beenden.

Die Erfolgsstory Deutschlands bei Europameisterschaften begann 1972, als die DFB-Elf durch ein 3:0 gegen die damalige Sowjetunion in Brüssel den zweiten großen Titel nach dem legendären WM-Sieg 1954 gewann. Noch heute gilt die 72er Mannschaft mit Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller an der Spitze als die bislang spielstärkste deutsche Mannschaft aller Zeiten.

Vor allem das legendäre 3:1 im Viertelfinale gegen England – der erste Sieg einer deutschen Nationalmannschaft im Mutterland des Fußballs – hinterließ großen Eindruck. Überragender Mann auf dem Platz im Wembleystadion war damals  Netzer in der Rolle des Regisseurs. Der deutsche „Ramba-Zamba-Fußball“ war in aller Munde. Die L’Équipe schrieb von „Traumfußball aus dem Jahr 2000″. Das sei „die beste Mannschaft, die wir je hatten“, sagte der damalige Bundestrainer Helmut Schön, der zwei Jahre später mit dem Großteil des EM-Teams auch Weltmeister wurde.

1976 erlebte der erfolgsverwöhnte deutsche Fußball-Fan aber einen bitteren Dämpfer. Spötter behaupten, dass der Ball, den Uli Hoeneß beim Elfmeterschießen im Finale gegen die damalige Tschechoslowakei in den Belgrader Nachthimmel schoss, noch heute gesucht wird.

Immerhin gelang vier Jahre später ohne Hoeneß unter Trainer Jupp Derwall und Kapitän Bernard Dietz die Wiedergutmachung. Der heutige U21-Trainer Horst Hrubesch war beim 2:1-Finalsieg von Rom gegen Belgien mit einem Doppelpack der gefeierte Held. Zudem gingen in Italien die Sterne von Bernd Schuster und Lothar Matthäus auf, der 1990 als DFB-Kapitän mit dem WM-Gewinn an gleicher Stelle den Höhepunkt seiner Karriere erlebte.

Bei den folgenden EM-Endrunden musste die deutsche Mannschaft aber einige enttäuschende Ergebnisse verkraften: 1984 in Frankreich gab es das blamable Gruppen-Aus des Titelverteidigers. 1988 im eigenen Land brannte sich die bittere Halbfinal-Niederlage gegen Erzrivale Niederlande (1:2) ins Gedächtnis. Dass sich Ronald Koeman nach der brisanten Partie auch noch mit dem Trikot von Olaf Thon den Allerwertesten abwischte, brachte damals die Volksseele zusätzlich zum Kochen. 1992 scheiterte der amtierende Weltmeister schließlich im Finale völlig überraschend an den „Freizeitkickern“ aus Dänemark (0:2), die direkt aus dem Urlaub anstelle der suspendierten Jugoslawen das Turnier spielen durften.

So schlug 1996 in England die große Stunde von Oliver Bierhoff. Der heutige Teammanager schrieb mit seinem Golden Goal in der 95. Minute im Finale gegen Tschechien Fußball-Geschichte. Bierhoff wurde in Sekunden vom genervten Reservisten zur Ikone der EM. „Dem Treffer folgte ein dreiminütiger Blackout“, sagte er später über den Moment, als er sich ekstatisch das Trikot vom Körper riss. Vier Jahre später war jener Bierhoff jedoch auch einer der verspotteten „Rumpelfüßler“.

Als Manager lenkt der 48-Jährige nun seit 2004 die Geschicke der Nationalmannschaft – und das mit Erfolg. Nach der Final-Niederlage bei der EM 2008 (0:1 gegen Spanien) und dem Halbfinal-Aus 2012 gegen Italien wartet aber nicht nur Bierhoff bei Europameisterschaften auf den ersten Triumph seit 20 Jahren.

 

+ + +

 

Die EM von A bis Z: Von Autofahnen bis Zeitverschwendung

A wie Autofahne: Der flatternde PKW-Schmuck ist auch zehn Jahre nach der WM noch weit verbreitet. Dabei hat das größte Problem Bestand: Bei 100 km/h geht der Fetzen fliegen.

B wie Beau Jeu: Der offizielle EM-Ball heißt übersetzt „Schönes Spiel“ und ist ganz französisch in Blau, Weiß und Rot gehalten. Die silbernen Streifen symbolisieren den EM-Pokal.

C wie Coupe Henri-Delaunay: Das Ziel der Träume ging zuletzt zweimal nach Spanien. Sollte den Iberern der Hattrick gelingen, gibt es zur Belohnung eine originalgetreue Nachbildung.

D wie Debütanten: Die Slowakei, Albanien, Island, Wales und Nordirland nehmen erstmals an einer Endrunde teil. Österreich und die Ukraine, einst als Gastgeber dabei, schafften erstmals sportlich die Qualifikation.

E wie Eiffelturm: Das Pariser Wahrzeichen wird jeden Abend in den Farben eines Teams angestrahlt. Abgestimmt werden kann im Internet.

F wie Fanzonen: Ob auf dem Pariser Marsfeld oder am Strand in Marseille – insgesamt werden sieben bis acht Millionen Fans in den zehn EM-Städten zum Rudelgucken erwartet.

G wie David Guetta: Frankreichs Star-DJ schrieb den offiziellen EM-Song „This One’s For You“. Bild urteilte: „Klingt nach Ibiza-Gefälligkeitstechno, könnte aber auch der ESC-Beitrag eines osteuropäischen Landes sein.“

H wie Herbergen: Die 24 Teams haben sich auf ganz Frankreich verteilt. Während Deutschland am Genfer See wohnt, residiert England in Chantilly bei Paris, die Schweiz nahe des Mittelmeers und Spanien in Saint-Martin-de-Ré im Atlantik.

I wie Insel: England, Irland, Nordirland und Wales haben sich qualifiziert, das gab es noch nie. Nur Schottland muss zuschauen.

J wie Jersey: Der Kampf der Ausrüster um das Trikot ist eng wie nie. Primus ist adidas mit neun EM-Teams vor Nike (6) und Puma (5).

K wie Karten: Tickets kosten zwischen 25 und 895 Euro. Die Verbände der beiden spielenden Teams erhalten je 16 Prozent des Kontingents, „kommerzielle Partner“ zwölf, die „Fußball-Familie“ drei.

L wie Lyrik: Auf den Teambussen prangen wie immer hübsche Sprüche. Von „Wir meistern das“ bei der DFB-Elf bis „Die Drachen sollen sich erheben“ bei Wales.

M wie Modus: Da 24 Teams dabei sind, gibt es erstmals ein Achtelfinale. „Die Turniere werden etwas verwässert“, sagt nicht nur Oliver Bieroff über die „Bläh-EM“.

N wie Nationalhymnen: Nur die spanische hat keinen Text, die von Island den wohl pathetischsten: „Tausend Jahre, ein Blümchen der Ewigkeit mit zitternden Tränen, das zu seinem Gott betet und stirbt.“

O wie Ohne Holland: Es stimmt wirklich, die Niederlande sind nicht dabei. Zuletzt gab es das 1984 – ebenfalls in Frankreich.

P wie Platini: Der EM-Rekordtorschütze steht bei seiner Heim-EM im Abseits. Immerhin: Tickets kaufen wie jeder „normale“ Fan darf der zurückgetretene UEFA-Chef.

Q wie Qualifikation: Ohne Punktverlust blieb nur England, ohne jeden Punktgewinn einzig Andorra und Gibraltar.

R wie Rekorde: Aus der Rubrik „unnützes Wissen“: Portugal ist die einzige Mannschaft, die immer die Gruppenphase überstand.

S wie Silver Goal: Wurde nur einmal bei einem großen Turnier erzielt: Im EM-Halbfinale 2004 gewann Griechenland gegen Tschechien durch den Treffer von Traianos Dellas nach 105 statt 120 Minuten.

T wie Titelprämie: Die deutschen Spieler erhalten im Fall des EM-Triumphs jeweils 300.000 Euro vom DFB. Bei den Belgiern klingelt die Kasse angeblich am lautesten: 704.000 Euro sollen pro Spieler fällig werden.

U wie Unterhose: In Frankreich kommt erstmals die Regel zum Einsatz, dass die Unterhose die Farbe der Spielhose haben muss – vor allem lange Unterhosen. Gut, dass Arjen Robben nicht dabei ist (siehe O).

V wie Super Victor: Das offizielle EM-Maskottchen trägt einen Zauberumhang und magische Schuhe. Und heißt dummerweise genau wie ein vibrierendes Spielzeug für Erwachsene.

W wie WAGs: Die „Wives and girlfriends“ (Frauen und Freundinnen) der Spieler werden auch in Frankreich zum Blickfang. Mit dabei: Cathy Hummels, Anna Lewandowska, Rebecca Vardy oder Coleen Rooney.

X wie Xhaka-Duell: Die Losfee wollte es so: Der Schweizer Granit Xhaka (23) und sein für Albanien spielender Bruder Taulant (25) treffen schon in der Vorrunde aufeinander.

Y wie Youngster: Drei 18-Jährige sind in Frankreich dabei: Marcus Rashord (England), der künftige Bayern-Profi Renato Sanches (Portugal) und Emre Mor (Türkei).

Z wie Zeitverschwendung: 1960 und 1964 nahm Deutschland nicht teil. Grund: Sepp Herberger sah das Turnier als „Zeitverschwendung“ an.