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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Paris (SID) Den Topspielern wie Cristiano Ronaldo wurde das Talent tatsächlich in die Wiege gelegt. Zumindest zu einem großen Teil.

Cristiano Ronaldo hat den „Killerinstinkt“, Manuel Neuer zeigt unglaubliche Reflexe, Gareth Bale ist kaum zu halten, und Mittelfeldstratege Paul Pogba kann ein Spiel „lesen“. Die Topspieler behaupten zwar immer gerne, sie seien nur dank ihrer harten Arbeit auf dem Trainingsplatz bis an die Spitze gekommen – doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ihrer Fähigkeiten bekamen Ronaldo und die anderen tatsächlich in die Wiege gelegt. Die Gene machen also (auch) den EURO-Star – und an diesem Punkt wird es kompliziert.

„Denn das eine Gen, das einen guten Fußballer ausmacht, gibt es nicht. Es ist eine Kombination von Genen verantwortlich“, erklärt Professor Steffen Just im Gespräch mit dem SID: „Die Wissenschaft weiß aber bei Weitem noch nicht, welche Kombination das sein muss. Schließlich ist schon die Frage, welche Gene für ein Merkmal wie beispielsweise eine ausgeprägte Muskulatur zuständig sind, schwer zu beantworten.“

Just selbst sucht die Antworten. Er ist Molekular- und Entwicklungsbiologe an der Uniklinik Ulm. Doch der 40-Jährige und seine Kollegen haben noch jede Menge Arbeit vor sich. Das verdeutlicht der gebürtige Pfälzer anhand eines Beispiels.

„Studien lassen bisher Assoziationen zwischen einem bestimmten äußerlichen Merkmal eines Menschen und den zuständigen Genen oder Genomabschnitten zu. Aber schon für ein Merkmal wie die Muskulatur ist eine Kombination von Genen verantwortlich“, sagt Just: „Und mit einem Merkmal ist es ja nicht getan. Für einen Mittelstürmer kann es natürlich von Vorteil sein, wenn er über zwei Meter groß ist. Aber wenn die Beweglichkeit fehlt, wird er sicher kein Weltklasse-Fußballer sein.“

Auch die Fußballer-Phrase „Mir wurde nichts in die Wiege gelegt“ kann Just einordnen. „Wenn man die Relation zwischen den genetischen Voraussetzungen und dem Trainingsfleiß für den Erfolg eines Fußballers betrachtet, liegt man bei 50 Prozent für beide Faktoren bestimmt nicht schlecht“, sagt der Wissenschaftler: „Wenn die Gene nicht stimmen, kann man trainieren wie ein Wahnsinniger – ein Spitzenfußballer wird man dennoch nicht. Andererseits nutzen die besten Fußballer-Gene nichts, wenn man nur Tischtennis trainiert.“

Dass es aber einen Zusammenhang zwischen den Genen und dem Können geben muss, belegt laut Just in jedem Fall die Tatsache, dass „die Eltern guter Sportler auch selbst oft gute Sportler“ waren. Diese Erkenntnis legt den Schluss nahe, dass im Labor eines zwielichtigen Wissenschaftlers möglicherweise schon an einem Ronaldo-Klon gearbeitet werden könnte. Doch ganz so einfach ist das nicht.

„Von einem Klon redet man bei genetisch identischen Lebewesen. Aber nicht in jeder Zelle ist das exakt gleiche genetische Material vorhanden. Es käme also schon alleine darauf an, welche Zelle man entnimmt. Und auch, zu welcher Zeit“, erklärt Just: „Schließlich verändert sich das Genom im Leben eines Menschen enorm. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen dem Genom einer embryonalen Körperzelle und dem desselben Menschen, wenn er 90 Jahre alt ist.“

Das Klonen von Ronaldo und Kollegen ist also (glücklicherweise) immer noch Zukunftsmusik. „Mal ganz abgesehen von den ethischen Fragen, könnte man den perfekten Fußballer erst dann generieren, wenn man wüsste, welche genetischen Grundlagen dafür verantwortlich sind“, sagt Just: „Bislang haben wir einfach zu wenig Informationen, wie welche Eigenschaften durch das Genom hervorgebracht werden. Und die Kombination der Faktoren kommt offensichtlich auch sehr selten vor. Jahrhundert-Talente findet man schließlich nicht wie Sand am Meer.“