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September 2020

Landessportbünde

Millionen haben vor den TV-Geräten die Spiele der Fußball-EM in Frankreich verfolgt. Nicht weniger fiebern seit dem 5. August bei den Olympischen Spiele in Rio vor den Bildschirmen. Sport bewegt die Gesellschaft, in der Schule jedoch wird er jedoch eher stiefmütterlich behandelt.

Nicht nur wegen dieses Missverhältnisses sieht das WLSB-Wissenschaftsforum beim Sport in der Schule erheblichen Reformbedarf. Dessen Leiter, Professor Dr. Ansgar Thiel, hat Anfang Juli in Tübingen zusammen mit den WLSB-Vizepräsidenten Elvira Menzer-Haasis und Rolf Schmid die Ergebnisse der sechsköpfigen Expertengruppe vorgestellt.

Die Defizite sind aus Sicht der Wissenschaftler erheblich. Neben dem Ungleichgewicht zwischen gesellschaftlicher und schulischer Bedeutung wird die positive Wirkung von Bewegung auf die Gesundheit nicht ausreichend gefördert. „Schule kann alle jungen Menschen in Bewegung bringen. Stattdessen stecken wir das Geld in Medizin und Diagnostik, um Zivilisationskrankheiten zu behandeln“, sagte Thiel.

Die stiefmütterliche Stellung des Sports spiegelt sich laut Thiel auch in der Wahrnehmung des Fachs wider. Sport müsse als Unterrichtsfach wahrgenommen und nicht als Ausgleich zum Sitzen verstanden werden oder um Gesundheitsdefizite abzumildern. Das sei mit zwei oder drei Sportstunden wöchentlich nicht erreichbar.

Vorschläge zur Aufwertung des Schulsports

Die Experten haben Vorschläge erarbeitet, mit denen die Rolle des Sports in der Schule aufgewertet und mehr Bewegung im Schultag erreicht werden soll:

Der Sportunterricht muss ein Lernfach werden, neben der Praxis auch Theorie und Wissen vermitteln und dafür besser ausgestattet werden. Während Beamer und Whiteboards in den Klassenzimmern Einzug gehalten hätten, gäbe es in den meisten Schulhallen nicht mal eine Tafel, sagte Thiel dazu. Auch Schulbücher seien notwendig, so wie sie es in allen anderen Fächern gibt.

Innerhalb der Schule sind strukturelle Änderungen erforderlich, die mehr Bewegung im und außerhalb des Unterrichts ermöglichen. Zudem muss der Sport mit anderen Fächern vernetzt werden. „Der Magnus-Effekt lässt sich im Physik-Unterricht anhand von Flanken und angeschnittenen Bällen sehr anschaulich erklären“, machte Thiel deutlich.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen. Darüber sind weitere Sport- und Bewegungsangebote in der Schule möglich und die Verbindung zum außerschulischen wie auch lebenslangen Sporttreiben wird geschaffen. Zudem sichern die Vereine den Wettkampfsport, der für unsere Gesellschaft von hoher Relevanz ist, sagte Ansgar Thiel.

Vereine können Schulsport nicht ersetzen, nur ergänzen

WLSB-Vizepräsident Rolf Schmid pflichtete Thiel in Sachen Reformbedarf auf ganzer Linie bei. In den Klassenstufen sieben und acht seien nur zwei Sportstunden vorgesehen und an Grundschulen werde häufig fachfremd unterrichtet. „Wir haben bei uns im Verband insgesamt 3000 Kooperationen mit Vereinen, die das zum Teil kompensieren“, sagte Schmid.

Diese Kooperationen wie auch das Engagement von Vereinen in der Ganztagschule könnten aber nur ein zusätzliches Angebot sein, ergänzte WLSB-Vizepräsidentin Elvira Menzer-Haasis. Aufgabe der Vereine könne nicht sein, die Defizite der Schulen bei Sport und Bewegung zu beheben. Ihr Ziel sei, Schüler in den Verein zu überführen. „Die Vereine haben legitime Eigeninteressen“, sagte Elvira Menzer-Haasis, denn der große Vorteil in der Zusammenarbeit mit den Schulen sei, dass man dort eben alle Kinder erreiche.

Wissenschaftsforums-Leiter Professor Ansgar Thiel zeigte sich aber zuversichtlich, dass der Aufbruch hin zu einer neuen Rolle des Sports in der Schule gelingen kann. Er habe in einigen Schulen schon erste vielversprechende Ansätze beobachtet, erklärte Thiel. Zudem vermittle die Lehrerausbildung schon heute die entsprechenden Qualifikationen und auch der neue Bildungsplan, der nach den Sommerferien gilt, biete dafür die notwendigen Freiheiten. „Doch oft sage man zu den jungen Sportlehrern in der Schule: ‚Vergiss, was Du in der Uni gelernt hast. Hier läuft es anders.“

Mitglieder des Wissenschaftsforums

  • Leiter: Prof. Dr. Ansgar Thiel, Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen
  • Prof. Dr. Stefan König, Pädagogische Hochschule Weingarten, Fakultät 1 – Fach Sport
  • Prof. Dr. Carmen Borggrefe, Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Stuttgart
  • Prof. Dr. Annette R. Hofmann, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Leiterin des  Instituts für Kunst, Musik und Sport
  • Prof. Stefan Fünfgeld, Prodekan Fakultät Wirtschaft und Studiengangsleiter BWL-DLM-Sportmanagement
  • Prof. Dr. med. A. Nieß, Ärztlicher Direktor der Sportmedizin der Universität Tübingen

Quelle: www.wlsb.de