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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Rio de Janeiro (SID) Auf ein Neues: Drei gescheiterte Olympia-Bewerbungen in den letzten fünf Jahren halten den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nicht von einem erneuten Versuch ab.

Die Führungsspitze mit Präsident Alfons Hörmann und dem Vorstandsvorsitzenden Michael Vesper bleibt hartnäckig und verfolgt hinter den Kulissen das Thema weiter. Das Duo befeuert nur acht Monate nach dem gescheiterten Versuch Hamburgs innerhalb des Dachverbandes die Diskussion über einen neuen Vorstoß – trotz vieler Baustellen in den eigenen Reihen und der tiefen Krise, in der die olympische Bewegung vor uns während der Spiele in Rio steckt.

Am 22. Juli verschickten Hörmann und Vesper den Entwurf eines Strategiepapiers an die Präsidenten und Generalsekretäre der DOSB-Mitgliedsverbände. Die Zielformulierung unter Punkt E lautet „Olympische und Paralympische Spiele nach Deutschland holen“.

Als „vorrangige Konzepte/Programme/Maßnahmen“ wurden formuliert: „Strategie für eine künftige Bewerbung entwickeln“, „Konzept einer Stakeholderbeteiligung entwickeln und umsetzen“, „Konzept nachhaltiger Sportgroßveranstaltungen insbesondere Olympischer Spiele weiterentwickeln“ und „Deutsche Vertretung in internationalen Gremien stärken“. Das Dokument liegt dem SID vor, zuerst darüber berichtet hatte der Sportpolitik-Journalist und Blogger Jens Weinreich.

Allein seit 2011 sind drei Bewerbungsversuche des DOSB mehr oder weniger kläglich gescheitert: München für die Winterspiele 2018 und 2022 sowie Hamburg für die Sommerspiele 2024. Die zweite Münchner sowie die Hamburger Bewerbung löste sich bereits nach einem negativen Votum der Bürger in Luft auf. Das Rennen um die Spiele 2018 verlor München gegen Pyeongchang/Südkorea.

Für wann und mit welcher Stadt der DOSB erneut kandidieren möchte, steht noch nicht fest. „Eines der grundsätzlichen Ziele von Sportdeutschland war, ist und bleibt es, Sportgroßveranstaltungen für Deutschland zu sichern. Deshalb sind in diesem Papier unter anderem logischerweise auch weiterhin Olympische und Paralympische Spiele als grundsätzliches Ziel für Deutschland enthalten“, sagte Hörmann dem SID: „Ob und wann beziehungsweise wo eine solche Bewerbung gegebenenfalls nach den gescheiterten Versuchen wieder Sinn macht, ist aktuell weder konkret diskutiert noch eine Zielstellung mit kurzfristigem Charakter.“

Hörmann betonte, dass der Entwurf schon in den vergangenen zwei Jahren diskutiert „und noch während der laufenden Bewerbung von Hamburg verschriftlicht“ worden sei. Das Papier werde „mit den Mitgliedsorganisationen diskutiert und fortgeschrieben“.

Es umfasst vier weitere Eckpunkte: „Gestaltungskraft des DOSB nachhaltig erhöhen“, „Internationale Wettbewerbsfähigkeit im Spitzensport stärken“, „Attraktivität des Sporttreibens im Verein ausbauen“ und „Gesellschaftliche Anerkennung der Leistungen des organisierten Sports verbessern“.

Zumindest von dem Olympia-Punkt hält Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, derzeit wenig bis nichts. „Das kann aus meiner Sicht momentan kein aktuelles Thema sein. Der DOSB hat zur Zeit andere Probleme. Die Leistungssportreform steht an, und ich bin auch sehr gespannt auf die Ergebnisse der internen Effizienzanalyse ‚Anstoß 2016’“, sagte Freitag dem SID. Gerüchten zufolge bescheinigt ein Zwischenbericht der Unternehmensberatung Ernst und Young, die den DOSB gerade analysiert, dem Dachverband des deutschen Sports zahlreiche Defizite.

Freitag ergänzte: „Mir ist im Übrigen auch keine deutsche Stadt bekannt, die momentan bereit wäre, sich um Olympische Spiele zu bewerben.“ Für jede künftige Bewerbung, ob durch eine Stadt oder eine Region, sei laut Freitag „eine breite und transparente Diskussion in Sport, Politik und Gesellschaft unerlässlich“.

Zuletzt hat der Kölner Sport- und Eventmanager Michael Mronz, international hoch geachteter Organisator des CHIO in Aachen, die Diskussionen um eine Olympiabewerbung neu angefacht. Er regte eine Bewerbung der Metropolregion Rhein-Ruhr an. „Einzelne Städte sind nicht mehr in der Lage, ein solches Großereignis allein zu finanzieren. Mit einer ‚Rhein-Ruhr Olympic City 2028‘ bestünde die Möglichkeit, Olympische Spiele für Deutschland zu organisieren, wie sie es sonst weltweit nicht gibt“, sagte Mronz dem Express.