arag sid

September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Rio de Janeiro (SID) Die „Wunderbare Stadt“ erwachte vom Regen durchweicht, von Wolken verhangen, mit einem leichten Kater von 16 Tagen voller magischer Momente und schmerzlicher Widersprüche. Das Olympische Feuer in Rio de Janeiro ist nach einer bunten wie bescheidenen Feier erloschen. Die Sieger steigen in ihre Flieger, die warmen Abschiedsworte von Thomas Bach hallen nach. Die Fragen bleiben: Was nun? Wie geht es weiter mit Brasilien? Mit dem Dopingproblem? Welchen Weg nimmt die Olympische Bewegung, die so schwer angekratzt ist?

Der deutsche IOC-Präsident kennt jedenfalls keine Zweifel. „Es waren wunderbare Spiele in der Wunderbaren Stadt“, rief Bach, Superlative geschickt umtänzelnd, der „Cidade Maravilhosa“ zum Abschluss der Spiele der 31. Olympiade zu: „Sie hinterlassen ein großes, einzigartiges Erbe für künftige Generationen. Es waren Spiele der Vielfalt und Einheit.“

Viele Beobachter sehen das deutlich kritischer. Die Olympischen Spiele, die mal als „triumphal gesetzter Meilenstein für den Aufstieg einer neuen Supermacht“ (New York Times) angedacht waren, haben ihre Gastgeberstadt mit den fröhlichen Cariocas ebenso bereichert wie ausgelaugt.

„Rios Probleme wurden nur übermalt, gelöst wurde jedoch keines von ihnen“, kommentierte die Washington Post nach der Abschlussfeier im Maracana-Stadion: „Die Frage, auf die es erst in Monaten oder Jahren eine Antwort geben wird, lautet: Hat die Olympische Bewegung dieser rezessionsgeplagten Stadt mehr genommen als gegeben?“ Es ist eine Landung in der Realität.

Rio hatte das Pech, die Spiele im Boom bekommen zu haben, sie aber in der Krise ausrichten zu müssen. Die Angst vor Zika und Terror war eine Belastung, ebenso der höchst fragwürdige Umgang des IOC mit dem russischen Staatsdoping. Nun lässt sich sagen: Rio hat das Beste daraus gemacht, was „O Globo“ am Morgen danach perfekt beschrieb: „Es hat gigantische Zweifel gegeben, hier und überall. Aber es hat doch funktioniert.“

Es war ein Wechselspiel zwischen sportlichen Glanzleistungen und tollen Geschichten, von Problemen, teilweise Skandalen. „Bach spricht von sehr guten Spielen, aber es war eine holprige Fahrt. In Bachs Welt war alles sonnig“, schrieb der englische Guardian.

Abschied nahm Rio bei Sturm und Regen – mit weltweiter Aufmerksamkeit, aber auch wieder vor vielen leeren Sitzschalen, vor denen Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel tapfer die deutsche Fahne schwenkte. Und das im Stadion, das 24 Stunden zuvor beim Endspielsieg der brasilianischen Fußballer gegen Deutschland noch ein brodelnder Kessel gewesen war.

Am Sonntagabend war es bunt, es war karnevalesk, freudig, auch Tokio 2020 stellte sich schon einmal humorvoll vor: Japans Premierminister Shinzo Abe hatte einen netten Auftritt als Videospiel-Held Super-Mario. Spiele des Gigantismus und der Technik sind zu erwarten.

Bevor die Olympische Bewegung gleich dreimal in Fernost zu Gast sein wird (Pyeongchang 2018, Tokio 2020 und Peking 2022), steht Rio vor der Aufgabe, noch halbwegs ordentliche Paralympics (7. bis 18. September) abzuliefern. London hat vor vier Jahren unerreichbare Maßstäbe im Behindertensport gesetzt.

In Rio sieht es gar nicht gut aus: Die Kassen sind leer, die Stadt hat sich mit elf Milliarden Euro für Olympia wahrhaft verausgabt. Das Interesse der Cariocas ist gering: 12 Prozent der verfügbaren Karten sind verkauft. „Noch nie in 56 Jahren haben wir so schwierige Bedingungen erlebt“, sagt Sir Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC).

Danach wird sich zeigen, ob die New York Times recht behält: „Rio ist nach diesen Spielen verändert, wenn nicht sogar neu geboren.“