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Juli 2019

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Köln/Abu Dhabi (SID) Zu nett? Zu verwöhnt? Nico Rosberg hat in diesem Jahr mit vielen Vorurteilen aufgeräumt und der Motorsport-Welt gezeigt, wie wertvoll Niederlagen sein können – wenn man richtig damit umgeht. Nun verabschiedet er sich völlig überraschend.

Nico Rosberg hatte wohl nie eine echte Wahl. Der Sohn eines Weltmeisters hatte die Formel 1 einfach im Blut. Schon als Baby hörte er das Brüllen der Boliden in der Wahlheimat Monaco, mit sechs Jahren saß er im Kart, als Teenager steuerte er ein Formel-1-Auto. Sein Werdegang war vorgezeichnet, und doch war es kein einfacher Weg. Das beweist nicht zuletzt sein überraschender Rücktritt am . Dezember – nur fünf Tage nach dem Titelgewinn in Abu Dhabi.

Die Weltmeisterschaft habe ihm alles abverlangt: „Ich musste viel dafür opfern, aber trotz all dieser harten Arbeit, dieser Schmerzen und dem ganzen Verzicht, war dies immer mein Ziel geblieben“, sagte Rosberg. Elf lange Saisons war der heute 31-Jährige in der Königsklasse unterwegs, er arbeitete hart, durchlebte Höhen und Tiefen und erreichte endlich den Gipfel: Weltmeister der Formel 1 – der dritte deutsche Champion nach Michael Schumacher und Sebastian Vettel.

Bis 2014 hatte Rosberg zunächst warten müssen, ehe er endlich in einem Sieger-Auto saß. Doch anfangs war Lewis Hamilton, sein einstiger Jugendkumpel, ein zu starker Teamrivale. Der Engländer erntete in den vergangenen beiden Jahren auch die Früchte von Rosbergs Arbeit – schließlich hatte der Deutsche schon seit 2010 geholfen, das neue Werksteam aufzubauen, das nun seit drei Jahren fast unschlagbar ist.

Die Niederlagen gegen Hamilton prägten den Sohn von Ex-Weltmeister Keke Rosberg, und sie stärkten auch so manches Vorurteil gegen ihn. Hamilton, ein Meister der Psychospielchen, half dabei kräftig mit. „Ich komme aus einer nicht gerade noblen Gegend in Stevenage und habe auf der Couch im Apartment meines Vaters geschlafen“, sagte er einmal: „Nico ist in Monaco mit Jets, Hotels und Booten aufgewachsen – der Hunger ist ein anderer.“

Rosberg also ein verwöhnter Jet-Set-Boy? Mitnichten. Natürlich merkt man Rosberg an, dass er nicht aus einem Vorstadt-Ghetto kommt. Aber gute Manieren, Höflichkeit, Bildung, Fremdsprachenkenntnisse als Makel? Auch ein schneller Rennfahrer darf fünf Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch) sprechen. Oder wissen, wie man Messer und Gabel benutzt.

Zudem wurde er in all den Jahren immer wieder als der „nette Herr Rosberg“ beschrieben. Zweifellos ein guter Rennfahrer, aber zu lieb, mit fehlendem Killerinstinkt. Ein ewiger Zweiter, dem angeblich das letzte Quäntchen für den großen Coup fehlte. So ein Stereotyp ist ziemlich beständig, und obwohl Rosberg seit Jahren durchaus mal Ecken und Kanten zeigte, hielt sich dieser Ruf hartnäckig.

Nach Rosbergs Meisterstück und vor allem seinem konsequenten Rückzug aus der Königsklasse sollte damit Schluss sein. Natürlich hatte Hamilton in diesem Jahr viel Pech, aber das hatte Rosberg in den Jahren zuvor auch. Und 2016 sah die Motorsport-Welt einen häufig dominanten Rosberg. Seine Stärken: Akribie, Cleverness, starke Nerven. Aber eben auch hartes Racing in entscheidenden Momenten. All das wird in der kommenden Saison fehlen.

Mit dem WM-Titel schloss Rosberg eine Entwicklung ab, die vor rund einem Jahr den entscheidenden Impuls erhalten hatte. Im Oktober 2015 verlor er in Austin das WM-Duell gegen Hamilton, drei Rennen vor Saisonschluss. Der Engländer fuhr hart, drängte Rosberg geradezu ab – und kam damit durch. Anschließend unterlief Rosberg noch ein merkwürdiger Fahrfehler, alle Chancen waren dahin. Selten hat man Rosberg so wütend erlebt wie damals in Texas. Wütend auf Hamilton, aber auch wütend auf sich selbst.

Nach diesem Rennen, das räumte Rosberg ein, habe er sich „viele Gedanken gemacht und etwas mitgenommen. Ich versuche immer, aus den schwierigen Momenten zu lernen.“ Was folgte, war eine eindrucksvolle Siegesserie, saisonübergreifend feierte Rosberg sieben Erfolge in Serie und legte den Grundstein für den Titel. Zwar kam Hamilton im Sommer stark zurück, machte mit der Siegesserie am Saisonende gewaltig Druck – doch Rosberg blieb gelassen, kühl, fokussiert.

Im Alter von 31 Jahren hat sich Rosberg sportlich längst von seinem Weltmeister-Vater emanzipiert, er ist viel erfolgreicher. Seine Frau Vivian („Ich kann ihr nicht genug danken“) und die einjährige Tochter Alaïa geben ihm zusätzlichen Halt. Jetzt widmet sich der Weltmeister ganz seiner Familie.

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Nico Rosberg  – von A bis Z:

A wie Alaïa: Seit etwas mehr als einem Jahr ist Rosberg Vater einer Tochter. Alaïa ist ihr Name, das stammt aus dem Baskischen und bedeutet „die Fröhliche“: „Vater zu sein hat für mich alles in eine neue Perspektive gerückt und mir gezeigt, was wirklich wichtig ist.“

B wie Bayern (München): Rosberg ist großer Fußball-Fan, und es gibt nur einen Verein für ihn: den Rekordmeister. In einem Werbefilmen schmetterte er einmal sogar die Vereinshymne „Stern des Südens“, während er in seinem Silberpfeil Trainingsrunden drehte.

C wie Creamery, Vivi’s: Vivi’s Creamery, so heißt die Eisdiele von Rosbergs Frau Vivian auf Ibiza. Weil Formel-1-Piloten immer auch auf ihr Gewicht achten müssen, war das zuletzt eine komplizierte Angelegenheit. Nun darf Rosberg ungeniert schlemmen.

D wie Debüt: Seinen ersten Grand Prix absolvierte Rosberg im März 2006 in Bahrain für Williams. Damals drehte er gleich die schnellste Rennrunde – mit 20 Jahren und 258 Tagen ist er bis heute der jüngste Fahrer, dem das in der Formel-1-Geschichte gelang.

E wie Eignungstest: Zu Beginn der Karriere bei Williams absolvierte Rosberg wie jeder neue Fahrer des Teams einen Test, der seine Ingenieurs-Fähigkeiten überprüfen sollte. Er schloss mit der höchsten bis dahin erreichten Punktzahl ab.

F wie Familie: Ist enorm wichtig für Rosberg. Vater Keke ist Finne, Mutter Gesine ist Deutsche, Rosberg besitzt beide Staatsbürgerschaften. Ehefrau Vivian und Tochter Alaïa geben ihm jede Menge Halt.

G wie Glückszahl: Die Sechs hat Rosberg sich als persönliche Startnummer ausgesucht, dafür gibt es gute Gründe. Sein Vater Keke wurde mit dieser Nummer 1982 Formel-1-Weltmeister. Und Vivian bezeichnet die Sechs als persönliche Glückszahl.

H wie Höhenangst: Auch ein Weltmeister hat vor irgendetwas Angst. Nico Rosberg bekommt Beklemmungen, wenn es zu hoch hinaus geht.

I wie Idol: Rosbergs Vater war Weltmeister, sein großes Motorsport-Idol war aber ein anderer Finne: Mika Häkkinen, der zweimalige Champion. „Ihm habe ich die Daumen gedrückt“, sagt Rosberg. Mag auch daran gelegen haben, dass sein Vater Keke damals Häkkinens Manager war.

J wie Jugend: War bei Rosberg geprägt vom Motorsport. Schon als Sechsjähriger saß er erstmals im Kart. Mit 17 Jahren absolvierte er seinen ersten Test in einem Formel-1-Auto.

K wie Keke (Rosberg): Schon der Vater war 1982 Weltmeister der Formel 1. Nico ist nun erst der zweite Weltmeister-Sohn, der es ebenfalls in der Königsklasse ganz nach oben schaffte: Zuvor war das nur dem Briten Damon Hill gelungen, dessen Vater Graham zweimaliger Champion war.

L wie Lewis (Hamilton): Aus Freunden wurden Gegner, aus Gegnern wurden „Feinde“ – die Beziehung zu Jugendkumpel und Teamrivale Lewis Hamilton bietet Stoff für die große Leinwand. Gegen Ende dieses Jahres wirkte alles wieder etwas entspannter. Und Rosberg hat seinen Erzrivalen auf den letzten Metern seiner Karriere endlich geschlagen.

M wie Monaco: Das Fürstentum ist die Wahlheimat des Weltbürgers Rosberg. Hier ist er zur Schule gegangen, und hier lebt er auch heute noch mit seiner kleinen Familie.

N wie Nolte (Georg): Der Mann an Rosbergs Seite. Seit 2011 ist Nolte Rosbergs Medienberater und nicht nur rund um die Rennen ständiger Begleiter des neuen Weltmeisters.

O wie Oldtimer: Rosbergs große Leidenschaft. Privat fährt er am liebsten seine Pagode, den Mercedes 280 SL Cabrio von 1970. Das Fahren im Oldtimer sei einfach schön, sagt er, „man spürt das Auto“.

P wie Polyglott: Rosberg ist das größte Sprachtalent im Fahrerlager. Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch – fünf Sprachen spricht der 31-Jährige fließend. Finnisch kann Rosberg allerdings nicht.

Q wie Qualm: Der stieg Anfang Oktober plötzlich aus dem Heck von Hamiltons Silberpfeil auf, der Motorschaden brachte den Briten um den sicheren Sieg in Malaysia. Es war für Rosberg die Vorentscheidung im Titelkampf.

R wie Rücktritt: Am 2. Dezember, nur fünf Tage nach seiner Krönung in Abu Dhabi, erklärte Rosberg völlig überraschend seinen Rücktritt: „Ich spüre eine große Erleichterung. In den nächsten Wochen werde ich bestimmt noch mehr verstehen, was und wie dieses Jahr alles passiert ist. Danach werde ich das nächste Kapitel in meinem Leben aufschlagen. Ich bin gespannt, was es bereit hält für mich …“

S wie Spears (Britney): Lange Zeit Rosbergs Spitzname im Fahrerlager, denn Rosberg trug früher lange, blonde Haare, fast so schön wie … genau. Im Jahr 2010 klebte Renningenieur Jock Clear sogar ein Foto der US-Sängerin in Rosbergs Reisepass. Das Ganze fiel erst an der Hotel-Rezeption auf.

T wie Twitter: Und Facebook. Und Instagram. Und YouTube. Rosberg ist in den sozialen Netzwerken viel unterwegs. Nach jedem Rennen hielt er seine Fans mit einem Live-Videoblog auf dem Laufenden.

U wie U2: Die Iren um Frontmann Bono gehören zu Rosbergs Lieblingsbands, vor allem der Song „Beautiful Day“ hat es ihm angetan. Und auf einer Mercedes-Weihnachtsfeier gab Karaoke-Fan Rosberg auch schon den Klassiker „Where The Streets Have No Name“ zum Besten.

V wie Vivian: Jugendliebe, selten passt dieses Wort so gut. Vivian und Nico lernten sich als kleine Kinder kennen, „ich habe mich im Sandkasten in sie verliebt“, sagt Rosberg. 2014 wurde geheiratet, rund ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter zur Welt. „Ich kann meiner Frau Vivian nicht genug danken. Sie war unglaublich“, schrieb Rosberg nach seinem Rücktritt.

W wie Wiesbaden: Geburtsort. Am 27. Juni 1985 erblickte Nico Erik Rosberg im Rot-Kreuz-Krankenhaus das Licht der Welt, Heimat wurde dann aber Monaco. Dennoch lebt ein Teil der Familie weiter in Hessen – ein guter Grund für Rosberg, regelmäßig vorbeizuschauen.

X wie XX-Kombination: Drei der wichtigsten Menschen in Rosbergs Leben sind weiblich, und das lässt er sie oft und gerne wissen. So widmete er im April seinen Sieg in China mit stockender Stimme „den Frauen, die in meinem Leben wichtig sind: Meiner Mutter, meiner Frau Vivian und meiner Tochter Alaïa.“

Y wie Yas Marina: Ist jetzt wohl nicht mehr Rosbergs Waterloo. Auf dem Kurs in Abu Dhabi verlor er 2014 erst im letzten Saisonrennen das WM-Duell mit Hamilton, seine bisher bitterste Niederlage. Nun feierte er hier seinen größten Triumph.

Z wie Zoo: Na gut, ein Zoo ist es noch nicht. Aber Rosbergs Kater Rocky Balboa bekam im vergangenen Jahr tierische Konkurrenz: Labrador Bailey gehört nun ebenfalls zur Familie.

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DEBÜT: Am 12. März 2006 beginnt in Bahrain die Formel-1-Karriere von Nico Rosberg, für das Traditionsteam Williams fährt der junge Blondschopf sein erstes Rennen. Dabei setzt der Sohn von Ex-Weltmeister Keke Rosberg gleich das erste Ausrufezeichen: In der Wüste fährt er die schnellste Rennrunde.

PODIUM: Zum Saisonauftakt 2008 rast Rosberg in Australien als Dritter zum ersten Mal auf das Podium.

MERCEDES: Nach vier Jahren bei Williams wechselt Rosberg zum neuen Werksteam Mercedes. An seiner Seite bei den legendären Silberpfeilen: Rekordweltmeister Michael Schumacher. Von dem Kerpener schaut sich Rosberg viel ab, aber die erhofften Erfolge bleiben aus. Mercedes fährt zunächst nur hinterher.

POLE: 2012 fährt Rosberg in China das erste Mal in seinem Leben auf die Pole Position. Danach stand er noch 29 weitere Male auf dem besten Startplatz, das bedeutet Platz acht in der ewigen Bestenliste.

PLATZ 1: Ein Tag nach seiner ersten Pole Position sichert sich Rosberg in China auch seinen ersten von insgesamt 23 Grand-Prix-Siegen. Er ist der erste Sieger im Silberpfeil seit dem großen Juan Manuel Fangio.

HAMILTON: Zur Saison 2013 bekommt Rosberg einen neuen Teamkollegen: Lewis Hamilton, sein Kumpel aus Kindertagen. Doch die Freundschaft geht mit der zunehmenden Rivalität bald in die Brüche.

NIEDERLAGEN: Seit den umfassenden Regeländerungen vor der Saison 2014 dominieren Rosberg und Hamilton das Formel-1-Feld, das Duo macht die Weltmeisterschaft unter sich aus. Doch Hamilton präsentiert sich stärker, kompromissloser und schnappt sich sowohl 2014 als auch 2015 die WM-Krone.

TRIUMPH: Rosberg hat aus den Pleiten in den Jahren zuvor gelernt und fährt 2016 die Saison seines Lebens, bleibt auch nach Rückschlägen und bei Sticheleien Hamiltons ruhig. Der Lohn: In Abu Dhabi krönt er sich erstmals zum Weltmeister. 34 Jahre nach seinem Vater Keke.

RÜCKTRITT: Nur fünf Tage später verkündet Rosberg auf dem Gipfel überraschend das Ende seiner Laufbahn. Er ist der erste aktive Weltmeister nach Alain Prost 1993, der sich zu diesem Schritt entschließt.