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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Berlin (SID) Aus dem Meer nach Olympia: Die Geschichte von Flüchtling Yusra Mardini begeisterte in diesem Jahr Millionen Menschen.

Sie besuchte Papst Franziskus, erhielt Tipps von US-Präsident Barack Obama und drückte den begehrten Bambi ans Herz: Die Syrerin Yusra Mardini aus Berlin bewegte mit ihrer Geschichte in diesem Jahr Millionen Menschen auf dem ganzen Globus und schwamm ins Rampenlicht. Nach ihrer lebensgefährlichen Flucht übers Mittelmeer schrieb sie bei den Olympischen Spielen in Rio als Mitglied des ersten Flüchtlingsteams Geschichte.

„Ja, ich bin ein bisschen müde. Es war ein aufregendes Jahr“, sagt Mardini nun. Mit ihrer sympathischen Art und dem geschulten Englisch entpuppte sich die hübsche Syrerin als clevere Botschafterin auf dem Parkett des internationalen Sports. Wen sie jetzt noch kennenlernen wolle? Michael Phelps, verrät Mardini. Zwar traf sie den zurückgetretenen Superstar ihrer Branche kurz, doch richtig sprechen konnte sie nicht mit ihm.

Das große Glück der Yusra Mardini war die Idee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), bei den Spielen in Rio erstmals ein zehnköpfiges Flüchtlingsteam ins Rennen zu schicken. Mardini wurde neben Leichtathleten und Judoka aus Afrika nominiert und lockte schon bei ihrer ersten Pressekonferenz im März über 100 Journalisten aus aller Herren Länder nach Berlin.

Sie weicht keiner Frage aus, spricht liebenswert und gerne und wurde zum Liebling der Medien. Da war es auch egal, dass es in Rio nicht zu einer vorderen Platzierung reichte. Nach Platz 41 über 100 m Schmetterling, knapp 13 Sekunden hinter der schwedischen Olympiasiegerin Sarah Sjöström, war sie trotzdem die gefragteste Interviewpartnerin. Über 100 m Freistil landete sie auf Rang 45.

„Mein großes Ziel lautet nun Tokio 2020“, verriet die junge Schwimmerin, die aber noch nicht weiß, unter welcher Flagge sie in vier Jahren starten kann. Noch ist unklar, ob es wieder ein Flüchtlingsteam gibt. Sollte sie für Deutschland oder Syrien starten wollen, müsste sie ihren Flüchtlingsstatus ablegen. Dann wären jedoch die Qualifikationsnormen deutlich schwieriger zu erfüllen. „Es steht noch viel in den Sternen“, sagte ihr Ex-Trainer Sven Spannekrebs.

Spannekrebs hat das Traineramt in Mardinis Klub, den Wasserfreunden Spandau, an Ariel Rodriguez übergeben. Er selbst koordiniert aber weiter die Arbeit mit den Verbänden, dazu kommt in Marc Heinkelein (München) ein echter Manager ins Team. Die Show ist noch lange nicht zu Ende, auch wenn sportlich zunächst mal kein Highlight mehr auf dem Programm steht.

Auch das Filmprojekt in Hollywood über ihre einzigartige Biographie steht weiter auf der Agenda. „Einige Leute arbeiten daran“, verriet Mardini. Allein ihre Flucht aus Damaskus nach Berlin ist filmreif. Ihr Schlauchboot auf der Fahrt nach Lesbos hatte ein Leck, drohte unterzugehen. Yusra und ihre Schwestern sprangen ins Wasser und zogen das Boot fast drei Stunden zur griechischen Insel, retteten vielen Menschen womöglich das Leben.

Gerne auch nutzt Mardini die Öffentlichkeit, um auf das Elend der Flüchtlinge hinzuweisen. Sie hat ihre Landsleute immer im Blick. „Ich schaue jeden Tag, was da in Syrien passiert. Manchmal sitze ich in meinem Zimmer und weine“, sagt der Teenager. Mut machte ihr US-Präsident Barack Obama: „Er sagte zu mir, ich soll stark sein und meine Ziele verfolgen.“ Das war eine willkommene Unterstützung, die sie von Obamas Nachfolger Donald Trump nicht erwartet. Den wolle sie überhaupt nicht treffen. Mardini: „Sorry, aber der hasst doch Flüchtlinge.“