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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Stockholm/München (SID) Über Stockholm war längst die Nacht hereingebrochen, da saß Linus Straßer noch immer verdattert auf seinem Hotelzimmer und wusste nicht so recht, „soll ich lachen, soll ich weinen“. Sein erster Sieg im alpinen Ski-Weltcup bescherte dem Münchner einen Rausch der Emotionen. „Ein unglaubliches Gefühl“ habe ihn überwältigt, sagte er, er habe „Gänsehaut“ verspürt, und überhaupt sei alles der „Wahnsinn, was da abgegangen ist“.

Nüchtern betrachtet gewann Straßer am letzten Tag im Januar in Stockholm den Parallel-Slalom auf einem Hügel namens Hammarbybacken. Er war dorthin als Ersatz für den verletzten Felix Neureuther gereist. Dann besiegte er erst Henrik Kristoffersen aus Norwegen, den derzeitigen Slalom-Dominator, dann Stefano Gross aus Italien, Mattias Hargin aus Schweden und im Finale noch Alexis Pinturault aus Frankreich, Stars allesamt. Lohn der großartigen Tat: 47.000 Euro Preisgeld.

„Er hat alles erfüllt, was wir von ihm erwartet haben – und mehr“, lobte Alpindirektor Wolfgang Maier den Überraschungssieger, der für die Ski-Abteilung des TSV 1860 München startet. Im letzten Rennen vor der WM in St. Moritz (6. bis 19. Februar) war der erste Weltcup-Triumph der deutschen Alpinen in diesem Winter laut Maier ein willkommener Motivationsschub. „Es ist klasse für ihn und für uns, dass wir den ersten Sieg haben“, sagte er.

Linus Straßer verleiht dem DSV neuen Schwung für die Titelkämpfe

Maier bezeichnete es darüber hinaus als „psychologisch gesehen sehr wertvoll“, dass er drei deutsche Männer, namentlich Straßer, Stefan Luitz und Neureuther, zur WM schicken kann, die in dieser Saison auf dem Podium waren – „denn wir haben ein hochgestecktes Ziel“. Das Ziel heißt: drei Medaillen. Einkalkuliert sind eine durch Viktoria Rebensburg bei den Frauen, eine durch Felix Neureuther bei den Männern und eine im Mannschaftswettbewerb.

Allerdings: Aus dem Sieg auf dem Hammarbybacken etwas abzuleiten für Straßer und die WM, verbietet sich. „Es wäre völlig aus der Luft gegriffen zu sagen, er ist jetzt einer der Favoriten“, betonte Maier. Parallel-Slalom habe mit Slalom nichts zu tun. Außerdem: Im Slalom fährt sich Straßer in dieser Saison erst langsam wieder aus einem Tal, in das er nach einem starken ersten Winter wegen Nachlässigkeiten hineingerutscht war.

Im Januar 2015 hatte Straßer, dereinst Skischüler, Mitglied und Rennläufer im legendären Kitzbüheler Ski-Club, erstmals auf sich aufmerksam gemacht: Bei den vier Slalom-Klassikern in Adelboden, Wengen, Kitzbühel und Schladming fuhr er auf die Ränge 20, 21, 14 und 5. Kurz darauf, bei der WM im Februar 2015, als Fritz Dopfer und Felix Neureuther Silber und Bronze gewannen, belegte er fast unbemerkt, aber nicht weniger bemerkenswert Rang zehn.

Danach ging es abwärts, und eine Ursache dafür, weiß Straßer heute, war der rasante Aufschwung und sein Umgang damit. „Man meint, dass es so weitergeht. Und dann wird man schludrig und lässt ein bisschen nach.“ Und dann stimmen die Ergebnisse nicht mehr, die Startnummern werden schlechter, das Grübeln beginnt, die Lockerheit ist weg. Aber Straßer begriff, zog seine Lehren und hat „konsequenter gearbeitet“.

Für den Wandel gibt es Lob von Maier. Straßer, sagte er, „hat sich deutlich weiterentwickelt“. Zumindest so weit, dass er als Double für Felix Neureuther taugt. Wenn auch vorerst nur in einem Parallel-Slalom.