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Juli 2019

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Melbourne (SID) Die Welt lag Roger Federer nach seinem 18. Grand-Slam-Titel zu Füßen. Der Schweizer denkt noch lange nicht an Rücktritt, will nach Möglichkeit noch einige Jahre spielen.

Myla und Charlene Federer, die beiden zuckersüßen Zwillingsmädchen, konnten aufatmen. Und sie durften sich sogar ein bisschen verantwortlich fühlen für das wundersame Blitz-Comeback ihres Vaters Roger. Der Kreis schloss sich in Melbourne, denn vor genau einem Jahr hatte sich der Schweizer nach seinem Aus bei den Australian Open im Hotel das Knie verdreht, als er zu seinen damals sechsjährigen Töchtern ins Bad eilen wollte.

Eine Meniskus-OP folgte, und der 35-Jährige fasste schweren Herzens den Entschluss, seine Saison bereits im Juli 2016 zu beenden. Federer verzichtete unter anderem auf die Olympischen Spiele in Rio und genoss das Familienleben mit seinen vier Kindern und Ehefrau Mirka. Eine goldrichtige Entscheidung, wie sich jetzt herausstellte.

„Diese Pause hat mir gut getan. Diese sechs Monate haben sich definitiv gelohnt. Sie war wichtig für Körper und Geist“, sagte der Maestro nach dem 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3 in einem atemberaubenden Endspiel-Klassiker gegen seinen Dauerrivalen Rafael Nadal aus Spanien. Am Morgen danach, beim traditionellen Fotoshooting mit dem Siegerpokal, fügte er hinzu: „Ich habe sie auch genommen, um noch einige Jahre spielen zu können.“

Der 18. Grand-Slam-Coup nach viereinhalbjähriger Wartezeit war für Federer eine tiefe Befriedigung. „Es ist sein bedeutendster Titel“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung: „Er beendet eine Phase der Kritik und des Zweifelns. Es ist auch eine persönliche Befreiung.“

Mit Prognosen für die Saison hielt sich Federer zurück. „Man weiß nie, was zum Beispiel in Sachen Verletzungen passiert. Ich spüre aber, dass ich noch einiges an gutem Tennis in mir habe“, sagte der siebenmalige Wimbledonsieger und blickte voraus auf die anstehenden Majors: „In Wimbledon habe ich die größten Möglichkeiten, auch bei den US Open stehen die Chancen gut.“

Federer stellte auch klar, dass es ihm nicht um die Jagd nach Rekorden gehe: „Die Zahlen sind das letzte, was mich interessiert.“ Den „ganz speziellen Sieg“ in Melbourne stellte er auf eine Stufe mit seinem Erfolg 2009 bei den French Open, als er nach zuvor drei verlorenen Endspielen in Paris seinen Karriere-Slam endlich komplettierte. „Ich werde einige Zeit brauchen, bis ich das jetzt realisiert habe. Und dann werde ich in der Schweiz sitzen und denken: Wow!“, meinte der wohl größte Spieler aller Zeiten.

Die Welt jedenfalls lag dem ältesten Major-Gewinner seit 45 Jahren zu Füßen. „Das war das emotionalste Match der letzten Jahre. Großer Sport. Danke“, twitterte Boris Becker und meinte über den Gentleman in kurzen Hosen: „Was für ein Mensch, was für ein Genie.“ Der Blick schrieb: „Roger, wir verneigen uns. Du bist der Größte. Was für ein Match, was für eine Magie.“ Die New York Times titelte: „Federer trotzt dem Alter“.

Und neben etlichen anderen musste auch John McEnroe Abbitte leisten. „Wir armen Seelen haben bereits den Glauben an Federer verloren. Wir haben bereits andere Idole angebetet: Einen traurigen Schotten oder einen dünnen Serben“, sagte die US-Ikone mit Blick auf die in Melbourne vorzeitig gescheiterten Andy Murray (Nr. 1) und Novak Djokovic (Nr. 2).

Federer selbst hatte verraten, dass er so bald nach seinem Coemback niemals mit einem Triumph in Melbourne gerechnet habe. Sein Coach Severin Lüthi allerdings hatte ihm schon am Jahresende gesagt, dass er die Australian Open gewinnen könne. Für den Schweizer Davis-Cup-Kapitän ist Federer sowieso ein „Phänomen“. „Es ist unglaublich, wie positiv und inspiriert Roger ist“, meinte Lüthi.

Und Federer bewegt noch immer die Massen wie kein zweiter Tennisprofi. Zum Training beim Hopman Cup in Perth pilgerten Ende Dezember 8000 Fans. „Das Tennis braucht Roger wie die Wüste das Wasser“, hat der ehemalige Becker-Manager Ion Tiriac mal gesagt – um in seiner gewohnt schnodderigen Art nachzuschieben: „Er ist nur zu gut erzogen.“