arag sid

September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Berlin (SID) Ein Jahr nach ihrem weltweit beachteten Olympia-Auftritt arbeitet Yusra Mardini in deutlich professionelleren Strukturen auf ihr nächstes großes Ziel hin: Tokio 2020.

Ihre eigene Party anlässlich des ersten großen Sponsorenvertrags verließ Yusra Mardini lange vor den Gästen. Am nächsten Morgen um 6.00 Uhr klingelte der Wecker, ein langer Trainingstag wartete auf die syrische Schwimmerin. Seit September führt sie das Leben eines Sportprofis. „Meine Mutter beschwert sich“, berichtet Mardini, „dass ich ihr nur noch ‚Guten Morgen‘ und ‚Gute Nacht‘ sage.“

Etwas mehr als ein Jahr nach ihrem weltweit beachteten Olympia-Auftritt in Rio de Janeiro für das Flüchtlingsteam, arbeitet die 19-Jährige unter professionellen Bedingungen in ihrer neuen Heimat Berlin am nächsten großen Ziel: Für Olympia 2020 in Tokio will sich Mardini zuerst qualifizieren – und dann nicht „nur“ dabei sein.

„Natürlich ist es der Traum eines jeden Athleten, eine Goldmedaille zu gewinnen. Ich kann nur sagen: Ich habe Pläne, und die sind in meinem Herzen“, erzählte Mardini bei der Vorstellung ihres neuen Sponsors am 19. Oktober in der Hauptstadt. „Ich will es für mich tun, und auch für alle Flüchtlinge in der Welt“, sagte Mardini im Interview mit dem SID: „Ich gebe nicht so leicht auf.“

Ihr erster Sponsor, ein US-Sportartikelhersteller, hat absolute Sportgrößen wie Michael Phelps, Lindsey Vonn oder Anthony Joshua unter Vertrag. Und nun auch eine Schwimmerin, die bei Olympia in ihren Rennen die Plätze 41 und 45 belegte. Warum? Weil Mardinis Geschichte von der dramatischen Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat bis zum Start in Rio noch immer Menschen auf der ganzen Welt fasziniert. Weil Mardini, die von Barack Obama und von Papst Franziskus persönlich eingeladen wurde, ein Vorbild für Millionen ist.

Doch der Sponsor wolle sich mit der jungen und sympathischen Athletin nicht nur schmücken, betont Mardinis Trainer Sven Spannekrebs: „Es ging nie darum, nur zu unterschreiben und dann auf ein Plakat zu kommen. Es geht um die Sache.“ Man will sehen, was mit Hilfe professioneller Strukturen aus der willensstarken Schwimmerin sportlich herauszuholen ist.

„Vorher musste vieles improvisiert werden. Mit den neuen Möglichkeiten gibt es ein individuell abgestimmtes Training“, sagt Spannekrebs. Die ersten Erfolge erkenne man schon jetzt: „Sie ist im Moment sehr müde, das harte Training schlägt also an. Sie wird muskulärer, ihre allgemeine Fitness ist schon jetzt sehr viel besser.“

Als Ziel hat sich das personell aufgestockte Mardini-Team vorgenommen, in Tokio auf einer 100- oder 200-m-Distanz „so nah wie möglich an die Top-20 ranzuschwimmen“, verrät Spannekrebs. Er hat aber auch mit Mardinis Traum von einem olympischen Finale und einer Medaille kein Problem: „Ich habe von ihr gelernt, dass es viel cooler ist, für einen Traum zu arbeiten.“

Platzen könnte dieser Traum, sollte Mardini bis Tokio einen deutschen Pass bekommen. Dann müsste sie die deutschen Qualifikationsnormen erfüllen, und das ist trotz des professionelleren Umfelds fast unmöglich. Wahrscheinlicher ist, dass auch in Tokio ein Flüchtlingsteam mit Mardini an den Start geht. Vielleicht nimmt sie aber auch für Syrien teil.

„Es ist sehr kompliziert im Moment“, sagt Mardini. Sie wäre „stolz“, egal welches Team sie dann vertreten würde. An ihr erstes Olympiarennen in Rio könne sie sich „gar nicht mehr erinnern“, weil alles „so überwältigend“ gewesen sei. In Tokio will Mardini alles noch bewusster erleben. Und sie will nicht mehr „nur“ als Flüchtlingskind mit der filmreifen Biografie wahrgenommen werden.