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Oktober 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Die neuen European Championships kommen an. Die Sportler fühlen sich ein bisschen wie bei Olympia, und die Zuschauer freunden sich mit dem neuen Format an.

Die Schwimmer jubelten über zwei Goldmedaillen zur besten Sendezeit, der Deutschland-Achter ruderte vor großem Publikum zum sechsten EM-Titel in Folge, die Zuschauer strömen an die Wettkampfstätten, und auch die Fernsehmacher sind zufrieden – nur das Olympische Dorf fehlt. Die European Championships haben an ihrem ersten Wochenende in Glasgow die um Popularität kämpfenden Sommersportarten auf eine neue Bühne gehoben und erste positive Resonanz erhalten.

Bis zu 1,38 Millionen Sportfans sahen in der ARD zu, als die gemischte Freistilstaffel bei der Multi-EM völlig überraschend triumphierte und die Radsportler im Velodrom ihre Medaillenbilanz aufpolierten. Sie bescherten dem Sender bei der insgesamt fast zehnstündigen Übertragung einen Marktanteil von bis zu 12,8 Prozent. „Die Zuschauerakzeptanz für das neue Format ist schon sehr gut, und ich gehe davon aus, dass sich dies auch noch steigern wird“, sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky dem SID.

Am Sonntag stand der Achter im ZDF im Mittelpunkt. „Es ist ein sehr gutes Konzept, ein Schritt nach vorne, ein sehr schöner Testballon“, lobte Bundestrainer Uwe Bender, „wie es aufgezogen wird mit den Medien und den Volunteers, ist hervorragend.“ Im Vorabendprogramm schwamm Florian Wellbrock über 1500 m Freistil allen davon.

In Glasgow, wo seit Donnerstag die ersten Wettbewerbe der insgesamt sieben Europameisterschaften ausgetragen werden, stört auch der eine oder andere Regenschauer die Sportbegeisterung der Schotten nicht. Die Arenen beim Schwimmen, Turnen und Bahnrad sind voll, Rudern flimmert über den Großbildschirm im Einkaufszentrum, der zentrale George Square zieht mit seinem täglichen Unterhaltungsprogramm und den Live-Übertragungen schon am Morgen die Fans an.

„Die Stimmung ist insgesamt locker und entspannt“, sagte Kunstturnerin Kim Bui, die mit ihren 29 Jahren Olympia- und Universiade-Erfahrung hat: „Was ein bisschen fehlt, ist so etwas wie ein olympisches Athletendorf. Dadurch hat man zu Sportlern außerhalb des Turnens weniger Kontakt.“

Im Vergleich zu Olympia ist alles viel kleiner, es fehlen die fünf Ringe und die großen IOC-Karossen. Die Multi-EM, an der insgesamt 4782 Athleten teilnehmen und die rund eine Million Besucher anlocken soll, erinnert an die Sommerspiele der Vergangenheit. Am Montag steigen auch die Leichtathleten in Berlin ein.

Das Format habe Zukunft, sagte Balkausky, „denn die Akzeptanz in Glasgow und bei den Sportlerinnen und Sportlern ist enorm hoch, das haben unsere Gespräche ergeben.“ Er rechne künftig mit mehr teilnehmenden Sportarten und stärkeren Teams, „denn so viel Aufmerksamkeit haben diese Verbände selten“.

Turnerinnen und Ruderer ärgerten sich bereits, dass sie die neue Bühne nicht von Anfang an ideal nutzten. „Wir haben das generell vielleicht ein bisschen unterschätzt. Das ist eine sportartenübergreifende EM, die auch medial sehr hoch aufgehängt ist“, sagte der leitende Ruder-Bundestrainer Ralf Holtmeyer, nachdem seine Boote gleich reihenweise die Finals und damit die Live-Übertragung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verpasst hatten: „Wir haben uns in diesem Jahr auf die WM und Weltcups konzentriert.“

Und Ulla Koch, Cheftrainerin der deutschen Kunstturnerinnen, klagte nach dem Ausscheiden der deutschen Riege in der Qualifikation: „Damit haben sich die Mädchen leider auch selbst eine große Bühne genommen.“