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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Als Mitfavorit gestartet, jetzt Nachfolger von Deutschland: Frankreich feiert den zweiten WM-Titel, Trainer Deschamps tritt auf eine Stufe mit den Legenden Zagallo und Beckenbauer.

Viva la France! Oben in der Ehrenloge sprang Staatspräsident Emmanuel Macron völlig losgelöst auf ein Pult, seine Gattin Brigitte tanzte mit lässigem Hüftschwung fröhlich zum lärmenden Elektro-Pop, und unten auf dem Rasen ließen Frankreichs überglückliche „Baby Bleus“ ihren Trainer Didier Deschamps hochleben. Als die Equipe Tricolore den kläglich gescheiterten Titelverteidiger Deutschland als beste Mannschaft der Welt abgelöst hatte, brachen sich bei den Franzosen verständlicherweise die Gefühle Bahn.

Durch ein 4:2 (2:1) gegen Kroatien gewannen Les Bleus zum zweiten Mal nach der WM 1998 im eigenen Land den Goldpokal. „Es ist zu schön, so wunderbar für die Spieler, eine junge Generation, die sind mit 19 Jahren Weltmeister“, sagte Deschamps. Er war vor 20 Jahren Kapitän, jetzt ist er erst der dritte Trainer, der den Titel zuvor auch als Spieler gewonnen hatte und steht nun auf einer Stufe mit Mario Zagallo aus Brasilien und Franz Beckenbauer. In Frankreich feierten ihn und seine junge Mannschaft unter anderem 90.000 euphorische Menschen auf dem Marsfeld vor dem Eiffelturm.

„Riesig war das Match nicht“, bekannte Deschamps freimütig, „aber wir haben Qualität an den Tag gelegt, im richtigen Moment Mentalität gezeigt, es war harte Arbeit.“ Auch Antoine Griezman, zum „Mann des Spiels“ gewählt, bestätigte: „Kroatien war ein starker Gegner.“

Die Franzosen profitierten im torreichsten WM-Finale seit 1958 von Missgeschicken der lange klar überlegenen Kroaten. Mario Mandzukic verlängerte einen Freistoß von Griezmann ins eigene Tor (18.), dann unterlief Ivan Perisic im Anschluss an seinen Ausgleichstreffer (28.) ein Handspiel im Strafraum: Griezmann (38.) verwandelte den Elfmeter nach langem Videostudium durch Schiedsrichter Nestor Pitana (Argentinien). Paul Pogba (59.) und Kylian Mbappé (65.) machten gegen nie aufsteckende Kroaten nach Kontern alles klar. Ein fürchterlicher Fehler von Torhüter Hugo Lloris erlaubte Mandzukic Ergebniskosmetik (69.).

Für Kroatien mit seinen 4,2 Millionen Einwohnern war der Finaleinzug der größte Erfolg bei einer WM nach Rang drei 1998 in Frankreich – doch den Traum vom großen Coup zerstörten sie sich diesmal selbst. Vor 20 Jahren war es Frankreich, das die Mannschaft um Davor Suker am Einzug ins Finale gehindert hatte. In Russland hatten die Kroaten bisher Einzigartiges geleistet: Nach drei souveränen Vorrundensiegen kamen sie zweimal erst nach Elfmeterschießen weiter und einmal nach Verlängerung. Im Finale waren sie besser, aber eben auch tollpatschig – und nach Pogbas Treffer mit ihren Kräften am Ende.

Philipp Lahm, Kapitän der deutschen Weltmeister, hatten den Goldpokal 1463 Tage nach jener magischen Nacht von Rio in das Olympiastadion Luschniki in Moskau gebracht. 78.011 Zuschauer vor Ort und geschätzt eine Milliarde an den Fernsehgeräten sahen eine kroatische Mannschaft, die allen Respekt verdiente: Bis zum Treffer von Pogba ließ sie sich von den Rückständen nie beeindrucken und sorgte mitunter für heillose Verwirrung im Strafraum der Franzosen. Viel lief dabei über Perisic. Spielmacher Luka Modric war dagegen gut abgeschirmt.

Frankreichs Titel 2018 trägt erneut die Handschrift von Deschamps – auch wenn 1998 der Trainer Aime Jacquet hieß. Vor 20 Jahren war es Zinedine Zidane, der im Finale gegen Brasilien (3:0) zwei Tore erzielte, doch schon damals zog „DD“ als einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt die Fäden, auf dem Rasen, und in der Kabine. Für die WM in Russland hatte Deschamps nach dem Scheitern gegen Portugal im EM-Finale von Paris 2016 (0:1 n.V.) eine Mannschaft gebaut, die viel über ihn aussagt. Der Baske ist vor allem: ein Pragmatiker.

Und so spielte Frankreich auch im Finale: Nicht schön, aber effizient. Es war insgesamt keine glanzvolle Reise zum zweiten Titel. Vor allem das Achtelfinale gegen Uruguay (2:0) und das Halbfinale gegen Belgien (1:0) waren Deschamps pur: Vor allem die Belgier wurden ihrer Spielfreude beraubt. Deschamps dürfte Kritik egal sein. Er habe, hat er gesagt, „nie des Spielens wegen gespielt, sondern immer, um zu gewinnen“.