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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Alicante/Köln (SID) Auf dem Weg zum EM-Altersrekord sammelte der neue Champion Timo Boll auch mit 37 Jahren noch einmal neue Erfahrungen.

Das deutsche Tischtennis-Idol hatte auf der mitternächtlichen EM-Siegerfeier beim Italiener an Alicantes malerischer Strandpromenade Explanada gut lachen – auch über sich selbst. „Im Training habe ich ja kaum ein Spiel gewonnen, egal gegen wen. Die anderen haben mich ja schon fast ausgelacht, und ich habe mich selbst zum Trainingspartner für sie erklärt“, sagte Boll schmunzelnd über seinen mühseligen Weg nach langer Verletzungspause – hin zu seinem siebten EM-Triumph. „Schon beinahe richtig  peinlich“ sei dies für ihn gewesen.

Schämen aber muss sich der erfolgreichste und mit 37 Jahren nun auch älteste Champion der 60-jährigen EM-Geschichte nach seinem neuerlichen Coup keinesfalls. Buchstäblich aus dem Stand eroberte der Düsseldorfer den vor sechs Jahren verlorenen Thron wieder zurück und brillierte dabei in der Endphase des Turniers wie zu allerbesten Zeiten – die allerdings für eine Ausnahmeerscheinung wie Boll 20 Jahre nach seinem EM-Debüt und nach insgesamt 18 kontinentalen Titeln überhaupt nur schwer zu bestimmen sind.

„Als ich vor der EM von schlechter Form gesprochen habe, war das keine Tiefstapelei. Ich habe mich wirklich schlecht gefühlt und hatte viele Baustellen. Ich war ja auch konditionell nicht gut, weil ich mich über Monate wirklich nur geschont habe. Ich bin deswegen selbst überrascht, wie schnell bei dieser EM die Automatismen und das Feingefühl zurückgekommen sind“, sagte der Weltranglistenvierte über seine kaum für möglich gehaltene Steigerung.

Anscheinend ist es Boll in der langen Pause wegen eines Bandscheibenvorfalls gelungen, sich wieder einmal neu zu erfinden. Dabei sammelte auch der Methusalem noch mal neue Erfahrungen.

„Ich habe die ganze Zeit gedacht, dass ich demütig sein muss, weil ich weiß, wie schnell alles vorbei sein kann, und war für jeden Schritt nach vorne dankbar. Ich habe viel über mein Spiel nachgedacht, abseits und auch immer wieder am Tisch. Das war harte mentale Arbeit“, sagte Boll über die erfolgreiche Selbstreflexion.

Ob nun aber Boll 3.0 oder schon 4.0: Mit dem „Weltspieler des Jahres 2017“ muss offenbar noch einige Zeit gerechnet werden. Schon für die zweite Oktober-Hälfte steht beim Weltcup im Pariser Disney-Land für den Vorjahres-Zweiten alles andere als eine Micky-Maus-Veranstaltung auf dem Plan. Für 2019 ist die frühzeitige Olympia-Qualifikation für Tokio 2020 bei den Europaspielen in Minsk das wichtigste Ziel. Auch seinen noch bis 2022 laufenden Vertrag bei Triple-Gewinner Borussia Düsseldorf will Boll auf jeden Fall erfüllen.

Aufhören ist denn auch für den EM-Altersrekordler keine Option: „Selbst bei einem schlechten Tag im Training merke ich den Spaß, die Freude und vor allem den Biss. Das sind gute Vorzeichen, um noch lange und gut spielen zu können. Hoffentlich hält mein Kadaver noch etwas.“